Home > Aktuelles > Zwischen Lockdown und Aktivismus: Perspektiven aus Israel und Palästina

Seitdem ich wegen der Pandemie überstürzt von einem Auslandsaufenthalt nach Israel zurückkehren musste, scheint die Situation zusehendes schlimmer zu werden. Die derzeitige Regierung ist korrupter als je zuvor und es scheint, dass sie die Krise ausnutzt, um die letzten Überbleibsel an Demokratie zu zerstören, von denen ich bis jetzt nicht einmal mehr wusste, dass noch existierten. Besonders schwierig waren für mich die obligatorischen zwei Wochen Isolation nach der Rückkehr. Ich musste diese Zeit im Haus meiner Eltern verbringen, wo der Fernseher ständig läuft und ich so Zeuginis wurde, wie die Medien in jeder Hinsicht mit der Regierung kooperieren und uns als Bürger*innen hintergehen – aus Gründen, die ich nicht einmal nachvollziehen kann.

Strand in Tel Aviv in Coronazeiten

Zur gleichen Zeit entschied unsere großartige Gruppe israelischer Teilnehmer*innen des Frauen*seminars des letzten Jahres, dass, wenn wir uns schon nicht physisch treffen können, wir uns nun einmal die Woche per Videokonferenz treffen werden, um uns auszutauschen und gemeinsam zu lernen. Jede von uns gestaltet ein Treffen zu einem bestimmten Thema; es muss nicht unbedingt mit Covid-19 oder dem Konflikt und der Besatzung zusammenhängen. Anschließend diskutieren wir gemeinsam. Kürzlich, an Israels „Unabhängigkeitstag“, war unser symbolisch gewähltes Thema „Planung der Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge“. Es war unglaublich beeindruckend, dieses hochumstrittene Thema in unserer Gruppe gerade an diesem Tag zu diskutieren. Selbstverständlich wurden schwierige Fragen aufgeworfen: Fragen darüber, was 1948 geschah, auf welche Arten und Weisen es vielleicht heute noch passiert und wie die palästinensischen Geflüchteten in Zukunft zurückkehren könnten. In der Diskussion war für mich der bedeutendste Aspekt, dass wir gemeinsam erkannten, wie wichtig es ist, unsere politische Vorstellungskraft zu erweitern und zumindest innerhalb unserer Kreise die Zukunft auszuformulieren, für die wir kämpfen wollen – auch, wenn sie weit weg scheint.

Diese digitalen Treffen erfüllen mich mit Hoffnung, Inspiration und Stolz in dieser herausfordernden Zeit. So sehr ich darum trauere, dass wir das diesjährige Seminar absagen mussten, so sehr ich freue mich darauf, jetzt Zeit und Energie in Stärkung und den Ausbau unserer Aktiven-Basis hier vor Ort zu investieren. Martha D.(Name geändert), israelische Koordinatorin des Frauen*seminars

„Palästina ist kein unabhängiger Staat und hat keine Kontrolle über seine Grenzen. Das Gesundheitssystem leidet seit Jahren unter dem Mangel an medizinischer Ausrüstung und Expertise. All diese Faktoren beeinflussen das Spektrum der Maßnahmen und Entscheidungen, die die palästinensische Autonomiebehörde trifft und treffen kann. Seit Ausbruch der Pandemie gibt es eine öffentliche Debatte über die Kompetenz und Kapazitäten der Autonomiebehörde: viele Palästinenser*innen bezweifeln, dass sie mit einer großen Zahl von Patient*innen und Todesfällen umgehen könnte. Präventionsmaßnahmen waren also mit das einzige, was sie unternehmen konnte. Deshalb rief sie den Notstand aus und erließ eine Ausgangssperre in palästinensischen Städten – obwohl es in einigen dieser Orte gar keine Infizierten gab.“ Rhana K.(Name geändert), palästinensische Koordinatorin des Frauen*seminars

„Meine Familie und ich sind voll und ganz auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Wir leben ineinem Vorort, weit vom Stadtzentrum entfernt. Etwas so Einfaches wie der Kauf von Lebensmitteln ist seit Beginn der Pandemie eine komplizierte Aufgabe. Wir müssen uns immer gut organisieren und schauen, ob uns Familienmitglieder an diesem Tag helfen können, weil auch die Stadtviertel von der Polizei voneinander getrennt wurden – um sicherzustellen, dass sich die Menschen sozial distanzieren. Eines Tages ging ich ums Haus herum spazieren. Ich schaute die Straße hinunter und sah einen kleinen Laden, in dem Obst und Gemüse verkauft wurden. Ich war so begeistert und erleichtert! Ich habe seit über zwei Monaten keine meiner Freund*innen mehr gesehen und mache mir große Sorgen, wie lange diese Situation noch bestehen bleiben wird. Es fühlt sich gerade so an, als ob die Dinge nie mehr zur Normalität zurückkehren würden.“ Kira M. (Name geändert), ehemalige Teilnehmerin aus der palästinensischen Westbank

„In Gaza im Belagerungszustand zu leben, ist schwierig: Stromausfälle sehr schlechtes Internet (…). Ich hätte nie gedacht, dass es eine Zeit geben würde, in der sich unser Leiden nochmals vervielfachen würde. Wir wurden seit Beginn der Pandemie angewiesen, zu Hause zu bleiben und die Anweisungen der Weltgesundheitsorganisation zu befolgen. Ich hatte Sorge, mein Einkommen zu verlieren, aber wir wurden gebeten, von zuhause aus zu arbeiten – zu unserem Glück. Esgibt aber auch viele Mitarbeiter*innen, die wie ich für private Unternehmen oder auch internationale Organisationen arbeiten, welche im Zuge der Pandemie entlassen wurden. Jetzt hat sich unsere Arbeitsbelastung um ein Vielfaches erhöht, da die Trainings, die wir organisieren, auch digital realisiert werden können.“ Mira F. (Name geändert), ehemalige Teilnehmerin aus dem Gazastreifen