Home > Teilnehmer*innen > Yoav R.*: Eine theatralische Nachlese zu Erfahrungen aus einer existentiellen Reise, 2018

(Text: Yoav R.*) Es geschah auf dem Höhepunkt unseres israelisch-palästinensischen Seminars: im Herzen der Debatten, der Meinungsverschiedenheiten, der langen Nächte mit Gesprächen, der langen Tage des  Ein- und Ausatmens. Am Abend vor jenem Moment hielt Alma Dzinic-Trutovic einen Vortrag über den Konflikt in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens und über die Arbeit von Ferien vom Krieg dort. Nach dem Vortrag führten der palästinensische Moderator der Gruppe und ich ein Gespräch bis in die Nacht. Ein Gespräch voller Schuld, Trauer und Angst. Am nächsten Tag, mitten in einem weiteren hitzigen Gespräch voller Tränen, gingen wir in die Pause – und plötzlich umarmten wir uns. Er und ich. Eine lange Umarmung. Einfach so, auf dem Hof der Akademie. Der palästinensische Moderator, mein Partner in der Moderation, nahm mich, den Israeli, ganz fest in den Arm. Und ich umarmte ihn. Plötzlich begriff ich, tausende Kilometer von unserem Zuhause entfernt, wie riesig der Konflikt zwischen unseren Völkern ist. Wie sehr wir diese Umarmung brauchen. Am Abend zuvor staunte ich über die Geschichten aus Jugoslawien – und in diesem Moment der Umarmung verstand ich plötzlich, wo ich lebe. Plötzlich erkannte ich, welche enorme Kluft die Umarmung zwischen uns überbrückte. Ein bisschen wie die Kluft von der ich gestern gehört hatte, zwischen den Serben und den Kroaten. Plötzlich, aus der Entfernung, verstand ich, in welch tiefem Loch sich unsere Völker befinden. Wir hielten uns lange in den Armen. Ich verstand auch, wie bedeutend das ist, was wir hier tun. Jetzt. Wie viel Hass an der Tagesordnung in unseren Ländern ist – und wie sehr diese Umarmung nicht selbstverständlich ist: Für einen einzigen Moment in meinem Leben fühlte ich mich im Zentrum der Welt.

Woher nahm ich den Wagemut, unsere Gruppe von Palästinensern und Israelis aus Tel-Aviv, Jaffo und Nablus anzuleiten? Ich weiß es nicht. Ich hatte vor dem Seminar nicht viel Erfahrung in der Leitung solcher Gruppen. Aber ich hatte viel Erfahrung in der Leitung verschiedener Theatergruppen: In der Vergangenheit habe ich mit Juden und Palästinensern, die innerhalb des Staates Israel leben gearbeitet, mit „gefährdeten Jugendlichen“, mit professionellen und Amateur-Schauspielern. Aber immer ging es nur ums Theaterspielen. Ohne weiteren Diskurs. Das ist es, was ich konnte, so kann ich kommunizieren. Ich denke, dass diese Partnerschaft zwischen mir und dem palästinensischen Moderator, wir sind beide Schauspieler – zu einer so besonderen Verbindung zwischen uns geführt hat. Aber ich war sehr überrascht zu entdecken, welch wirkungsvolles Instrument Theater ist – sogar dann, wenn die Angst und die Feindseligkeit vom „Anderen“ so groß ist, dass es manchmal keine Worte gibt.

Ich war überrascht und bis in die Tiefe meiner Seele bewegt, als die Teilnehmenden des Seminars, im Alter von 19-21 Jahren, theatralische Szenen aufführten, ohne Worte und ohne Vorbereitung. Ohne ein Wort zu sagen, zeigten sie die Schüsse, die Toten, den Schrecken des Lebens, die blutdurstigen Medien. Und den Menschen, den nach einer Umarmung Dürstenden, nach Liebe, nach Kommunikation. Trotz allem. Eine der israelischen Teilnehmerinnen machte einen unvergleichlich mutigen Schritt als sie aufstand, um die Hand einer stillen palästinensischen Teilnehmerin zu nehmen und sie einlud, herumzugehen, Hand in Hand auf dem blutigen Boden, voller Leichen – die die Teilnehmer auf der Bühne (ohne vorherige Abstimmung) darstellten. Die Palästinenserin willigte ein. Es war eine Reise voller Mitgefühl, eine echte Partnerschaft zwischen jungen Frauen.

Bei anderer Gelegenheit ging ein palästinensischer Teilnehmer auf die Bühne und begann einen Monolog: „Doktor“, sagte er, „ich will Ihnen erzählen, warum wir alle diese Dinge sagen, die wir im Seminar sagen. Wir sind krank, Doktor“. „Wir sind krank“, sagte er – und begann, dem „Doktor“ detailliert seine Erfahrungen zu schildern, aus den Kriegstagen, als er acht Jahre alt war und die israelische Armee in sein Dorf eindrang. „Das ist das erste Mal, dass ich diese Dinge jemals erzählte“, sagte der palästinensische Teilnehmer dem „Doktor“.

Und ich? In beiden Fällen saß ich an der Seite – ich schwieg still angesichts der Kraft dieses Instruments in meinen Händen, dem Theater. Es war eine Art Psychodrama, sagte ich mir – Dramatherapie. Nur dass auf dem „Patientensofa“ nicht nur Einzelne saßen. Mein Gefühl war, dass da zwei Nationen saßen.

Wir setzen unsere Arbeit von Israel und Palästina aus fort, aber hier ist es viel schwieriger, sich zu treffen. Es gibt Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und über Skype ist es schwerer, eine echte Verbindung herzustellen. Der Lauf der Zeit trägt in seinem Innern Hoffnung auf eine Änderung der Situation (und wir arbeiten daran) – aber er ruft auch Diskrepanzen und Angst in Erinnerung, manchmal existenzielle Angst. Ich erinnere mich an das Baumklettern – wohin ihr uns als Teil des Seminars mitgenommen habt. Seit einigen Tagen war die Situation zwischen mir und einem der palästinensischen Teilnehmer sehr angespannt. Ich war wütend auf ihn und er war wütend auf mich. Er fürchtete sich vor mir und ich fürchtete mich vor ihm. Und dann, wie aus dem Nichts, schlug er mir vor, ich solle mit ihm zusammen zu einem hohen Baum klettern, und mit ihm zusammen ins Seil springen – bei einem Parcours, den man paarweise machen muss. Ich nickte „Ja“, ohne Zögern. Wir sprangen zusammen, und überwanden eine riesengroße Angst. Von diesem Moment an hat sich etwas gelöst.

Ich habe keinen Zweifel, dass jede und jeder der Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei unserer Reise in Deutschland auch solche intensiven Erlebnisse hatte, wie ich sie durchlebte. Danke für diese Gelegenheit. Danke für die Möglichkeit, mich von Ängsten zu befreien, mit denen ich von früher Kindheit an aufgewachsen bin. Danke für die Möglichkeit zu erkennen, wie stark mein Instrument, das Theater, ist und dass unsere Arbeit wirklich wichtig ist und Hoffnung bringt. Danke, dass ich Freundschaft geschlossen habe mit echten palästinensischen Freunden und dass ich mich für einige Momente fühlen konnte, als seien wir das Zentrum der Welt. Danke.

Yoav R.* ist 32 Jahre alt und israelischer Schauspieler. Er war einer der Moderatoren der „Theatergruppe“ des allgender-Seminars.