Home > Teilnehmer*innen > Sonja A. (Serbien / Bosnien-Herzegowina): „Meine kleine Welt wurde plötzlich weit“, 2019

Dies ist das dritte Mal, dass ich diesen Brief beginne, und man sagt ja, das dritte Mal soll Glück bringen. Ich möchte mich ganz herzlich bei Ihnen bedanken, weil Sie mir ermöglichten, an diesem schönen Ort zu sein und ein Teil von einer so wichtigen Geschichte wie YU-Peace zu werden.

Heute ist unser letzter Tag hier und ich fühle mich völlig verändert, wie ein neuer Mensch, als wäre mein Herz größer und weiter geworden. Ich kam sehr erwartungsvoll hierher und meine Erwartungen wurden übertroffen. Letzten Dezember war ich ein Teil des Projekts „Your Past Present Future“ zwischen Serbien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro. Damals begegnete ich zum ersten Mal der Vergangenheit und die Realität war ein schmerzhafter Schock. Ich wusste nicht, wie ich diesen Schmerz über die Menschen und ihre Schicksale verarbeiten sollte. Mir war klar, dass ich mehr wissen und meine eigene Rolle in dem finden wollte, was geschah und was bis heute wirkt, zunächst als Mensch und dann als junge Frau, die halb aus Serbien, halb aus Bosnien-Herzegowina kommt.

Meine kleine Welt wurde plötzlich weit, die Realität strömte herein und öffnete mir, wie der Wind, weitere Türen. Ich erfuhr von YU-Peace und den wöchentlichen Workshops an der Wirtschaftsschule in Sombor und kam in Kontakt mit inspirierenden Menschen aus meiner Umgebung. Wenn ich Angst hatte, ermutigten und unterstützten sie mich. Sie zeigten mir, dass ich weitermachen und alles erreichen konnte, was mir wichtig war. In den Workshops sprachen wir über Themen, die in unseren Gesellschaften ein Tabu sind. Wir bekamen die Möglichkeit, unseren Verstand zu schärfen, damit wir nicht hilflos der nationalistischen Propaganda ausgeliefert sind. In dieser Atmosphäre von Offenheit und unterschiedlichen Meinungen wurden wir alle reifer.

Und dann trafen wir uns alle hier in diesem Camp, Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund, Leben, Geschichten und Perspektiven, und entwickelten eine gemeinsame Vorstellung für unsere Länder und sogar für das Universum. (Anmerkung: Als Slogan für diese Begegnung wählten die Jugendlichen ein Wortspiel mit dem Wort „Svemir“ (Universum) – die beiden Wortteile „sve“ und „mir“ bedeuten auch „überall Frieden“).

Es klingt vielleicht ein bisschen poetisch, aber jede Freundschaft, die hier entstanden ist, weckte etwas Neues in mir und das bedeutet mir viel. Bei unseren Begegnungen war es wirklich nur wichtig, ein Mensch zu sein, mit einem Lächeln, mit Liebe, was keinen Raum für Hass lässt. Hass kann nur mit Vorurteilen und Lügen arbeiten, er manipuliert und zerstört. Und solange wir lieben lernen, ist Hass machtlos.

Dieses Camp brachte mich mit so vielen inspirierenden Menschen, ihren Geschichten und ihren Leben zusammen. Es gab mir die Möglichkeit, mich selbst zu finden und Teil einer Gemeinschaft zu werden. Das Camp konfrontierte mich mit allen Schwierigkeiten des Krieges, der hinter uns liegt, mit konkreten Beweisen, für das, was vergessen wurde und was man nicht vergessen darf, und mit dem, was bei uns in den Schulen erzählt wird. Als ich mir die Bilder des US-amerikanischen Kriegsfotografen Ron Haviv ansah, fragte ich mich, wie unsere Gesellschaften dazu schweigen können, und ob dieses Schweigen bedeutet, dass sich solche Gräuel wiederholen können.

Unsere Gemeinschaft vermittelte mir das Gefühl, dass unsere Tränen über die Vergangenheit den Hass abwaschen und dass wir einfach nur Menschen sein können. Ich bin sehr dankbar für die Gelegenheit, Ajna Jusic (siehe S. 72) kennenzulernen und die Geschichte von ihr und ihrer Mutter zu hören. Frauen wie sie sind meine Heldinnen.