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Letzte Woche rief uns ein junger Mann an, ein bosnischer Kunststudent aus Hannover. Er hatte bei einem befreundeten Pfarrer die Broschüre über unsere Aktion „Ferien vom Krieg“ gesehen und gleich auf dem Heimweg durchgelesen. Danach wusste er, dass er nächstes Jahr dabei sein will. „Wenn ich meine Oma in Bosnien besuche, habe ich oft das Gefühl, dass es mit dem Zusammenleben der Volksgruppen nicht besser, sondern eher schlechter wird“, erzählte er. Die Berichte über die Ferien seien ihm da wie ein Lichtblick erschienen. Die Pfarrersfamilie hätte zu Beginn des Bosnien- krieges seine Familie als Flüchtlinge bei der Aktion „Den Winter überleben“ aufgenommen und versorgt. Damit schließt sich nach vielen Jahren ein Kreis, denn die Aktion „Den Winter überleben“, die damals gegen die restriktive Flüchtlingspolitik der Bundesregierung Mitglieder aus der Friedensbewegung aufforderte, Flüchtlinge bei sich privat aufzunehmen, war eine von unserem Komitee (Hanne und Klaus Vack) mit initiierte Kampagne und ein Vorläufer der Aktion „Ferien vom Krieg“.

Die Freizeiten im Sommer 2005 Im letzten Sommer konnten 814 Kinder, Jugendliche und ihre Betreue- rinnen aus dem ehemaligen Jugoslawien gemeinsame Ferien verleben. 500 Kinder und Jugendliche aus Serbien, Kroatien und Bosnien fuhren zusammen nach Neum, der einzigen Küstenstadt in Bosnien/Herzegowina (BiH). In Montenegro trafen sich 134 albanische Kinder mit serbischen Jugendlichen aus dem Kosovo, und am Ohridsee in Mazedonien herrschte beim Treffen von 180 Kindern , die mazedonisch, albanisch, türkisch, bulgarisch oder romanes sprachen, das übliche babylonische Sprachgewirr. Die Erfahrungen der beiden letzten Jahre haben uns darin bestärkt, bei den Freizeiten auf dem Balkan die Altersgrenze nach oben zu verschieben. Jugendliche ab 14 Jahre haben einfach die besseren Möglichkeiten, auch nach den Ferien die Kontakte untereinander aufrechtzuerhalten, sich gegenseitig zu besuchen und selbstständig für ein friedliches Miteinander zu arbeiten.

Im Kosovo ist es inzwischen schwierig, überhaupt noch serbische Kinder 3 zu finden, die in Ferien fahren wollen, weil es dort kaum noch serbische Einwohner gibt, und diese Kinder von orthodoxen Kirchen nach Griechen- land oder ans Schwarze Meer eingeladen werden. Dort sind nun serbische Jungen die besonders Benachteiligten (siehe Bericht von Dorit Riethmüller).

Aus Israel und Palästina stellten über 220 junge Leute und ihre Begleiterinnen in vier Freizeiten überrascht fest, dass es auch für die jeweils anderen völlig ungewöhnlich war, sich in Deutschland ohne Angst vor Selbstmord-Anschlägen oder Militäraktionen frei bewegen zu können. Sie lernten in einem oft schmerzhaften Prozess, auf gleichwertiger Ebene miteinander zu sprechen. Bei den Begegnungen von jungen Menschen aus Israel und Palästina war das Alter schon immer höher als bei den Freizeiten auf dem Balkan, weil die Eltern beider Seiten Kinder nicht zu solchen Freizeiten schicken würden. Die jungen Leute aus Israel müssen drei Jahre Militärdienst leisten. Es gibt nur wenige Verweigerer, die beruflich massive Nachteile zu erwarten haben, selbst die Ansprüche an das Sozialsystem hängen z.T. von der Ableistung des Wehrdienstes ab. Deshalb fällt diese Altersgruppe bei den Begegnungen aus. Es gibt Gruppen von 16- bis 18-jährigen und Gruppen von 22- bis 30- jährigen Teilnehmerlnnen.