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Nachfolgeaktivitäten – Das Netzwerk Youth United in Peace

Nach der Begegnungsfreizeit am Meer haben viele Jugendliche das Bedürfnis, die neuen Freundschaften aufrecht zu erhalten, das erlebte Gefühl der Gemeinsamkeit zu Hause zu verbreiten und aktiv für politische Veränderung einzutreten.

Im Nachgang der Begegnungsfreizeiten finden vielfältige Nachfolgeaktivitäten statt, teilweise werden von unseren Partner*innen im Netzwerk „Youth United in Peace“ organisiert, teilweise organisieren die Gruppen in den Städten selbstständig Aktionen.

Drei Länder, fünf Städte – ein gemeinsames Netzwerk

Um die Zusammenarbeit über die Grenzen weiter vorantreiben und stärker sichtbar machen zu können, gründeten unsere Partnerorganisationen im Sommer 2014 ein gemeinsames Jugendnetzwerk mit dem Namen Youth United in Peace, das mit einem gemeinsamen Logo in Serbien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina auftritt. Am 8. Dezember 2016, gute zwei Jahre nach seiner Gründung, erhielt Youth United in Peace den „Krunoslav Sukić-Preis“ des „Zentrums für Frieden, Gewaltfreiheit und Menschenrechte“ in Osijek, Kroatien. Dies ist eine wunderbare Ermutigung für die jungen Friedensaktivist*innen und zeigt, wie wichtig die jungen Menschen für eine friedliche Zukunft in ihren Ländern sind. In ihrer Erklärung zur Preisverleihung schrieben die Preisgeber:

(…) Youth United in Peace. Der Satz klingt unwirklich. In dieser Zeit und Region verwehrt der Nationalchauvinismus allen das Recht in die Zukunft zu blicken, die sich nicht hauptsächlich mit der Vergangenheit beschäftigen und sie aus dem Blickwinkel ihrer Ideologie sehen. Youth United in Peace erscheint da wie eine Plattitüde. Und es wäre eine Plattitüde, wenn nicht reale junge Leute hinter diesen Worten ständen. Sie haben keine Angst davor, in die Vergangenheit zu blicken. Es braucht Mut, sich anzusehen, was in dieser Gegend geschehen ist, und das auf eine Weise, die Türen öffnet für eine andere Zukunft. Es braucht Mut, sich zu treffen, sich kennenzulernen und nahezukommen, ehrlich zu sein, gemeinsam aktiv zu werden und die neu entstandenen Grenzen zu überwinden. (…)

Mittlerweile ist aus YU-Peace ein starkes Netzwerk geworden. Sämtliche Aktivitäten des Projekts Ferien vom Krieg im ehemaligen Jugoslawien werden vom Netzwerk YU-Peace geplant und umgesetzt.

Besonders aktive ehemalige Teilnehmer*innen treffen sich jedes Jahr zu einem gemeinsamen Camp, um gemeinsam Aktivitäten für die Zukunft zu planen und sich über aktuelle politische Entwicklungen auszutauschen. Das Camp findet abwechselnd in einer der Städte unserer Partnerorganisationen statt; es trägt unter anderem dazu bei, dass die friedenspolitischen Ziele noch stärker im alltäglichen Leben der Jugendlichen verankert werden.

Zudem berichten die lokalen Medien regelmäßig über die Camps, mehrmals wurden die Teilnehmende von einem Bürgermeister empfangen und es fanden Treffen mit örtlichen Jugendorganisationen statt. So werden die Themen von YU-Peace auch in lokalen Öffentlichkeiten präsenter.

Im Sommer 2015 plante die Gruppe das Camp in Srebrenica, um am 20. Jahrestag des Massakers für ein friedliches Zusammenleben einzutreten. Viele Eltern hatten Angst, ihre Kinder in diese bosnische Stadt reisen zu lassen, die zum Inbegriff des Krieges wurde. Einige Teilnehmer*innen sagten ab, um ihren Familien Sorgen zu ersparen. Weil das gebuchte Hotel zwei Tage vor der Anreise der Gruppe wegen eines Steuervergehens geschlossen wurde, mussten die Teilnehmenden im nahegelegenen Tuzla wohnen, aber die Jugendlichen besuchten gemeinsam die Gedenkstätte für die muslimischen Opfer des Massakers in Potocari und einen Gedenkraum für im Krieg getötete Serb*innen.

Aktivist*innen von YU-Peace verschönern
einen Kindergarten

Ein weiterer fester Bestandteil der Aktivitäten des Netzwerks sind die sogenannten „Wochenendbesuche“. Durchschnittlich zweimal im Jahr besuchen Jugendliche aus den Partnerstädten Aktive in einer anderen Stadt. Hierbei können die Jugendlichen nicht nur die Wohnorte und Lebensumstände in den jeweiligen Städten kennenlernen, sondern diese Wochenendbesuche tragen auch aktiv zum Abbau von Vorurteilen und Hass in den Elterngenerationen bei: die Jugendlichen werden zumeist in den lokalen Familien untergebracht, wodurch der persönliche Kontakt zwischen den Jugendlichen gestärkt wird und gleichzeitig die Eltern der gastgebenden Jugendlichen die Kinder der „Feinde“ kennenlernen und sie für ein Wochenende bei sich wohnen lassen. Oft diese Wochenenden nicht nur mit einer gemeinsamen friedenspolitischen Aktion verbunden. Regelmäßig tun die Jugendlichen etwas für die gastgebende Stadt, zum Beispiel Spielplätze aufmöbeln oder bei der Renovierung eines Jugendzentrums mitarbeiten.

Schon am Meer verabreden die Teilnehmenden oft politische Aktionen in ihren Heimatstädten. Zweimal fuhren alle auf dem Heimweg einen weiten Umweg, um die Teilnehmer*innen aus Gornji Vakuf-Uskoplje zu unterstützen. Hier leben Kroat*innen und Bosniak*innen bis heute getrennt; eine unsichtbare, aber immer präsente Linie teilt die Stadt. Die Jugendlichen zeigten dort mit einem Friedensmarsch durch die geteilte Stadt ihren Wunsch nach einer Aufhebung dieser Trennung.

Am ersten Schultag nach den Ferien tragen viele Teilnehmer*innen in allen fünf Städten ihre am Meer gemalten T-Shirts mit dem gemeinsamen Slogan ihrer Begegnung. Auch viele Teilnehmer*innen der Vorjahre kommen mit ihren T-Shirts in die Schule, um ihre Verbundenheit auszudrücken. 2016 bastelten sie 1000 Origami-Friedenstauben, die sie in Sombor bei einem öffentlichen Auftritt an die Bevölkerung verteilten.

Politisches und soziales Engagement

Die Jugendlichen reagieren auch auf aktuelle politische Entwicklungen in ihren Ländern. Als die Stadtverwaltung in Jajce, Bosnien-Herzegowina, 2016 eine eigene Schule für Bosnier*innen bauen wollte, wehrten sich die Schüler*innen vehement dagegen. Sie gingen auf die Straße, schrieben Briefe an die Kommunalpolitiker*innen und die Landesregierung und drohten mit einem Boykott der neuen Schule: „Wir lassen uns nicht von dem Nationalismus vergiften, auf dem dieser Staat beruht, der alles in drei Ethnien teilt“, schrieben sie. Und ihr Protest hatte Erfolg, die Stadtverwaltung gab den Plan zum Bau der neuen Schule auf. Ein aktiver Schüler sagte in einem Interview: „Das wichtigste ist, dass die Schüler gewonnen haben, obwohl sie weder von ihren Eltern, ihren Lehrern und der lokalen Gemeinschaft unterstützt wurden, die sich während der ganzen Auseinandersetzung weg duckten (…) dies ist der Beweis dafür, dass sogar Schüler mit ihren Aktionen politische Entscheidungen rückgängig machen können.“ (Zitat aus dem Online-Portal Buka, Bosnien-Herzegowina).

Auch in den Jahren 2017 und 2018 nahmen YU-Peace Friedensaktivist*innen an Demonstrationen gegen Korruption, politische Willkür und nationalistische Tendenzen teil. Im Jahr 2017 waren viele serbische Aktivist*innen an Demonstrationen und gewaltfreien Aktionen gegen die irreguläre Wahl von Präsident Alexander Vucic beteiligt. Auch in Bosnien und Herzegowina protestierten 2018 junge (und alte) Menschen im ganzen Land gegen Korruption, Missbrauch politischer Macht, Vetternwirtschaft und Willkür.

Darüber hinaus beteiligen sich die die Jugendlichen regelmäßig an sozialen Aktivitäten, um Menschen in Not zu unterstützen und Solidarität mit ihnen zu zeigen, wie beispielsweise durch die Unterstützung von Geflüchtete, Solidarität mit Fabrikarbeiter*innen oder Engagement in Solidaritätsnetzwerken in der Nachbarschaft während der Corona-Pandemie.

Ihre Aktivitäten erregen immer wieder große mediale Aufmerksamkeit. Bereits 2012 stellten sie ein Video online, in dem sie gemeinsam „Samo Da Rata Ne Bude“ singen, ein Lied, mit dem der Sänger Dorde Balasevic, bereits 1986 vor dem sich abzeichnenden Krieg warnte. Das Video fand in allen drei Ländern große Beachtung: In den ersten zwei Wochen wurde der Clip rund 70.000mal angeklickt, die großen Tageszeitungen übernahmen ihn in ihre elektronischen Ausgaben, auf 129 Plattformen wurde heftig darüber diskutiert. Es gab nationalistische Anfeindungen, aber auch viel begeisterte Unterstützung für die Aktion, zahlreiche Kommentator*innen setzten sich mit ihrer eigenen Rolle vor, während und nach dem Krieg auseinander.

Mehr als Friedensarbeit mit Jugendlichen

Aus den Kontakten, die YU-Peace mit anderen Menschenrechts- und Friedensorganisationen in der Region knüpft, entstehen teilweise auch eigene Initiativen und Projekte jenseits von Ferien vom Krieg: Nachdem bei der Begegnungsfreizeit im Sommer 2019 Ajna Jusic über ihre Organisation „Vergessene Kinder des Krieges“ und ihr Engagement berichtete, griff unsere serbische Partnerorganisation Link das Thema der Massenvergewaltigungen während des Krieges auf und organisierte gemeinsam mit YU-Peace und Medica Mondiale Anfang Februar 2020 eine Konferenz zu diesem Thema. Im Anschluss gab es eine Online-Kampagne, die Vergewaltigung einerseits als Kriegsverbrechen und andererseits als gegenwärtige Realität sichtbar machen will. Unter dem Motto „Nie wieder! – Keine Frau soll mehr eine Vergewaltigung erleiden müssen!“ rufen Frauen und Männer zu Anerkennung der Überlebenden und zu einem Ende der Ächtung der Betroffenen auf. Das von „Link“ ins Leben gerufene Projekt zielt hier nicht nur auf Frauenrechte und den Dialog zwischen Menschen der verschiedenen Identitätsgruppen ab, sondern regt auch den Dialog zwischen den Generationen an. – Die Begegnungsarbeit von Ferien vom Krieg strahlt also dank des Netzwerks YU-Peace mittlerweile auch in die Gesellschaft aus.