Home > Teilnehmer*innen > Mais A.*., Palästinenserin aus Jerusalem, 2017

Mais A.* (Name geändert) ist 20 Jahre alt, lebt in Ost-Jerusalem und studiert Medizin. Im folgenden Interview erzählt sie Tessa Pariyar von den Auswirkungen der Besatzung auf ihr Leben als Palästinenserin und wie das Frauenseminar ihr Denken über den Konflikt verändert hat.

T.P.: Kannst du beschreiben, wie der Konflikt dich in deinem täglichen Leben beeinflusst? (…)

M.A.: Der Konflikt, ich spreche lieber von Besatzung, beeinflusst mein tägliches Leben. (…) Während meines ersten Semesters habe ich die Al-Quds-Universität, die in Abu Dis liegt, besucht. Dort grenzt die Apartheid-Mauer so nah an die Universität, dass Du sie vom Gebäude aus sehen kannst (…). Es kommt folglich zu vielen Zusammenstößen zwischen israelischen Soldaten und palästinensischen Studenten. Es kommt vor, dass ich zum Beispiel in einer Vorlesung sitze, plötzlich dringt Tränengas ein, wir hören Geschrei von draußen und rennen raus. Und es ist mal wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Studenten und Soldaten gekommen, die damit enden, dass Krankenwagen kommen. Es gibt einige Verletze, und die Vorlesung fällt aus. (…) Auch meine Verwandten zu besuchen, ist sehr schwierig, da ich in Jerusalem und meine Familie mütterlicherseits in Ramallah, in der Westbank wohnt. Mit meinem Auto wäre ich eigentlich in 30 Minuten dort, aber auf Grund der Checkpoints kann es bis zu vier Stunden dauern. (…)

Mein Vater arbeitet in der Altstadt Jerusalems, und während der Proteste um die Al-Aqsa Moschee und all die Ereignisse, die vor kurzem passierten, musste mein Vater sein Geschäft für fünf Tage schließen (Als Reaktion auf die Errichtung von Metalldetektoren am Zugang zur Al-Aqsa Moschee, riefen Palästinenser die „Tage des Zorns“ aus. Die Geschäfte in der Altstadt Jerusalems blieben aus Protest geschlossen. Anm. d. Red.). Für einen Geschäftsmann (…) bedeutet das große Verluste. (…) Wir haben die ganze Zeit Angst um ihn, denn in der Altstadt kommt es wirklich zu vielen Zusammenstößen. Während der Proteste um die Al-Aqsa Moschee wurde ein enger Freund meines Vaters durch ein Gummigeschoss am Rücken verletzt und leidet bis heute unter Schmerzen.

In ständiger Angst zu leben und immer Angst zu haben um meinen Vater und um meine Schwester, die unmittelbar neben einem Checkpoint arbeitet, ist das schlimmste. Diese ständige Angst, wenn du hörst, dass etwas passiert ist oder jemand gestorben ist. Das ständige Sichergehen, ob es allen, die du kennst, gut geht oder doch jemand von ihnen betroffen ist (…)

T.P.: Trotz der negativen Auswirkungen der Besatzung auf dein Leben bist du hierhergekommen, um israelische Frauen zu treffen. Warum? Was war deine Motivation dafür?

M.A.: Für jemanden wie mich, die in Jerusalem lebt, könnte es eigentlich einfach sein, Israelis zu treffen und mit ihnen zu sprechen. Aber obwohl wir nebeneinander wohnen, ist es schwierig für mich als Palästinenserin, mit Israelis zu sprechen, besonders über Themen, wie den Konflikt und die Besatzung, die tabu in unseren Gesellschaften sind.

Deshalb habe ich die Chance genutzt, zu diesem Seminar zu kommen, an einen Ort, weit weg von dem ganzen Konflikt und mit ihnen darüber zu diskutieren. Und ich erhoffte mir auch, vielleicht etwas damit zu verändern. (…)

T.P.: Hast du mit Freunden oder deiner Familie über deine Pläne gesprochen, zu einem solches Seminar nach Deutschland zu kommen und Israelis zu treffen und mit ihnen zu diskutieren?

M.A.: Die Mehrheit der Menschen in meiner Gemeinschaft würde dies für Normalisierung halten. Viele Menschen, die  es nicht besser wissen  und die Dinge nur oberflächlich sehen, würden sagen, dass ich eine Verräterin bin oder dass ich meine Beziehung zu den Israelis normalisiere. Sie würden nicht wirklich den ganzen Sinn des Seminars verstehen. Es wäre also schwierig für mich, öffentlich zu sagen: „Hey, ich war da bei diesem Programm in Deutschland und es war unglaublich toll!“, aber meine engen Freunde und meine Familie verstehen, warum ich hier bin, und dass es wirklich nichts mit Normalisierung zu tun hat. Es hat einen Grund, warum ich hier bin, und ich bin nicht nur hierhergekommen, um Spaß zu haben, neue Freundinnen zu finden und all den Quatsch –  sorry (lacht) (…)

T.P.: Jetzt sind wir fast am Ende des Seminars – gab es etwas, das dich überrascht hat?  Oder gab es eine Art Wendepunkt in dem Sinne, dass sich die Dinge im Laufe des Seminars geändert haben, in einer Art, die du zu Beginn nicht vermutet hättest?

M.A.: Ich bin mir sicher, dass ich jetzt nach dem Seminar nicht mehr dieselbe bin wie vorher. Dieses Seminar war ein großer Wendepunkt in meinem Leben, und das nicht nur in Bezug auf den israelisch-palästinensischen Konflikt. Meine Art zu denken hat sich wirklich verändert. Bevor ich hierher kam, hatte ich diese naive, unrealistische Idee, dass wir den Konflikt lösen und die Besatzung beenden könnten, indem wir einfach alle Israelis rauswerfen. Aber nachdem ich sie kennengelernt und zugehört habe, nachdem ich gehört habe, was sie zu sagen haben, und Zeit hatte, darüber realistisch nachzudenken, wurde ich mir bewusst, dass dies nicht die Lösung sein kann.

Ihre Geschichten zu hören und besonders auch zu erfahren, wie sehr sie ihre Regierung hassen und genau wie ich nicht akzeptieren wollen, was passiert, hat meine Haltung gegenüber Israelis total verändert. Ich war wirklich überrascht, so viele sympathische Israelinnen zu treffen, da mich die Israelis, die mir bis dahin begegnet waren, ausschließlich grob und als Bürgerin dritter Klasse behandelt haben. (…) Hier ist mir bewusstgeworden, dass wir alle Opfer der Situation sind. Nicht auf die gleiche Art und Weise, und natürlich gibt es Unterschiede, die einen sind die Besatzer und die anderen die Besetzten, aber wir leben alle in ständiger Angst und in Stress. Und ich glaube dieses Seminar, hat nicht nur mich, sondern auch viele Israelis verändert und ihnen das Bewusstsein gegeben, nicht mehr Teil der Besatzung sein zu wollen. (…)

T.P.: Gab es einen bestimmten Moment, der dich zum Nachdenken brachte oder war es eher der Prozess als Ganzes?

M.A.: Es war tatsächlich beides. Aber es gibt einen bestimmten Moment, den ich nie vergessen werde. Am ersten Tag des Seminars unterhielten wir uns in unserer Gruppe, und eine palästinensische Frau nutzte, während sie etwas erzählte, den Begriff „Palästina“. In der Pause kam dann eine israelische Frau zu mir und sagte: „Ich möchte dich etwas fragen: Als diese palästinensische Frau Palästina sagte, was meinte sie?“ Ich fühlte mich angegriffen, denn „Was ist Palästina?“  Also sagte ich: „Als sie Palästina sagte, meinte sie dasselbe wie du, als du Israel gesagt hast.“ Die Unterhaltung wurde dann erstmal unterbrochen. Aber der überraschendste Moment war später, in der Mitte des Seminars. Dieselbe Frau sagte, während sie etwas erzählte,  „Israel“ und sie machte mit ihren Fingern Anführungszeichen. Und dann sagte sie Palästina und Besatzung. (…) Ich war stolz und fühlte in diesem Moment, dass es Sinn gemacht hat, hierher zu kommen, und dass es Wirkung zeigt. Denn Palästina von  einer Israelin zu hören, bedeutet etwas (…) Es ist nicht die Norm, dass Israelis das sagen. (…)

T.P .: Was sind deine Pläne, wenn du nach Hause kommst?

M.A.: Ich bin wirklich nicht hierhergekommen, um all die Dinge zu tun und zu verstehen und dann nach zu Hause gehen und nichts zu machen. Ich und einige Frauen haben uns entschieden, eine Gruppe auf die Beine zu stellen und uns für die Beendung der Besatzung einzusetzen. Ich weiß, das klingt naiv, aber ich glaube, dass wir es schaffen können, vor allem, weil diese Gruppe aus Israelinnen und Palästinenserinnen bestehen wird.