Home > Teilnehmer*innen > Interview mit Lina A.* aus Palästina, 2017

Lina A.* (Name geändert), 24, lebt mit ihrer Familie in einem Dorf nahe Ramallah. Ihre Familie ist schon lange in politischen Aktivismus und Widerstand gegen die Besatzung involviert. Zwei Wochen vor Beginn des Seminars gab es eine Razzia in ihrem Dorf und Soldaten warfen Tränengaspatronen direkt neben das Haus ihrer Familie. Als sie sich an den Moment erinnerte, meinte sie „Es macht mich so wütend, denn wenn du solche Dinge einmal siehst, wirst du sie nicht mehr los.“ Lina arbeitet als Übersetzerin für eine internationale NGO und hat dadurch Kontakt zu Menschen aus aller Welt. Sie beschreibt sich selbst als Humanistin.

Felix Litschauer führte das Interview.

F.L.: Was hat dich dazu motiviert, an diesem Programm teilzunehmen und was waren deine Erwartungen?

L.A.: Ich hatte noch nie die Chance mit Leuten von “der anderen Seite” zu sprechen, das hat mich motiviert. Man ist immer umgeben von den Geschichten und Meinungen derer, die so denken wie man selber. Aber man muss Dinge aus dem Mund der anderen Seite hören. Und ich liebe die Vorstellung, an einem gemeinsamen Ort zusammenzukommen, um die Chance zu haben, Fragen zu stellen und Informationen zu bekommen. Ich hatte eigentlich nicht so viele Erwartungen, meine Motivation war wirklich nicht an irgendwelche Erwartungen geknüpft.

F.L.: Hattest Du die Chance, Israelis zu treffen, bevor Du hierher gekommen bist?

L.A.: Naja, ich war in Jerusalem aber eigentlich bin ich nur durch die Straßen spaziert, habe eingekauft und das war‘s. Ich habe nie persönlich, eins zu eins, mit ihnen gesprochen.

F.L.: Kannst Du uns etwas über Deinen persönlichen Hintergrund erzählen?

L.A.: Ich lebe in einem Dorf in der Nähe von Ramallah mit einer großen Familie – meine Familie ist wirklich groß! Zu Hause leben wir wie jede palästinensische Familie. Wir sind insgesamt neun Personen zu hause, da sind meine bereits verheiraten Geschwister, die schon ausgezogen sind, gar nicht mitgezählt!

F.L.: In dem Seminar hast Du viel darüber gesprochen, dass Du mit Ausländern in einer NGO arbeitest und auch bereits die Chance hattest, ins Ausland zu reisen und andere Menschen als Palästinenser zu treffen. Inwiefern hat das Deinen Blick auf den Konflikt beeinflusst? 

L.A.: Es hat etwas verstärkt, was bereits da war, bevor ich mit dieser Arbeit begonnen habe. Meine Arbeit zielt darauf ab, den Frieden zu fördern, Palästina zu helfen, zu wachsen und im Sinne der Palästinenser den Friedensprozess zu unterstützen. Ich glaube, mit Ausländern zu arbeiten, hat mich dazu gebracht, Konflikt-Lösungs-Resolutionen zu unterstützen. Aber ins Ausland zu reisen und andere Leute zu treffen… ich arbeite in einem internationalen Kontext: Ich arbeite mit Leuten aus den USA, Italien, der Türkei, Kanada, den Niederlanden oder Großbritannien. Diese Diversität ist für mich alltäglich. Im Ausland war ich tatsächlich nur einmal für eine Woche in Rumänien. Es gab eine große Konferenz und ich habe als Übersetzerin gearbeitet. Ich erinnere mich gerade erst wieder daran. Es ging bei der Konferenz um Gefängnisse und es waren Palästinenser da, aber neben 80 weiteren Nationen auch Israelis. Und ich wurde von den Palästinensern extra aufgefordert – obwohl ich als Übersetzerin da war und nicht von den Palästinensern bezahlt wurde, sondern von einer ausländischen Organisation – nicht mit den Israelis zu sprechen und Kontakt mit ihnen zu meiden. Und wenn sie versuchen würden mit uns zu sprechen, solle ich nicht reagieren.

Ich denke, diese Palästinenser waren Beamte der Palästinensischen Sicherheitsbehörden und höherrangige Oberste.  Sie hatten Angst vor Normalisierung. Sie sagten: „Wir sind hier, um Vorträge und Seminare zu halten und mitzunehmen was wir brauchen, um eine Verbesserungen in die Gefängnisse zu bringen und die Gefangenen zu bestärken. Lasst Seitengespräche mit ihnen bleiben.“ Aber ich tat es. Ich redete mit ihnen. Ich sprach mit einem Verkäufer, der dort Dinge verkaufte. Wir haben es vermieden, über den Konflikt zu sprechen, denn das war in dieser Umgebung schwierig und man hatte Angst, die andere Seite könne Dinge missverstehen. Aber ich habe gedacht: Sie sind nur Menschen, warum sollen wir nicht reden?

F.L.: Diskutiert ihr in der Gruppe über Normalisierung? Und was denkst du darüber?

L.A.: Ich tendiere dazu, nicht so viel darüber zu reden, was ich über Normalisierung denke, oder über was wir mit Israelis sprechen sollten. Ich erkenne Meinungen an, auch wenn sie völlig anders sind als meine, und habe keine Lust auf Diskussionen, die zu nichts führen. Aber wenn ich das Gefühl habe, eine konstruktive Auseinandersetzung ist möglich, spreche ich mit einigen darüber. Ich bin also wählerisch. Aber ich habe es hier in der Gruppe nicht offen ausgesprochen. Nur einer Person gegenüber und auch nur, weil ich das Gefühl hatte, dass wir gleicher Meinung sind. Das hat mich dazu gebracht, offen darüber zu sprechen.

F.L.: Was ist also Deine Meinung über Normalisierung?

L.A.: Ehrlich gesagt ist mir die volle Definition des Wortes nicht geläufig. Was assoziiert das Wort? Was bedeutet es? Bedeutet Normalisierung, mit ihnen zu sprechen, ihnen auszuhelfen, mit ihnen zu Hause in Kontakt zu bleiben, über verschiedene Themen zu reden? Es ist, als würde man eine deutsche Person treffen und eine Bekanntschaft – keine Freundschaft – machen. Das stört mich nicht. Das stört mich überhaupt nicht. Denn ich bezeichne mich selber als Humanistin und mein Gehirn tendiert dazu, Menschen nicht hinter dem Schleier Mensch-gemachter Dinge, wie Religion, Geschlecht oder Nationalität zu betrachten. Ich spreche mit ihnen über solche Themen, aber ich sehe sie nicht durch diese Linse.

F.L.: Glaubst Du es gibt eine Verbindung zwischen Deinen Möglichkeiten, Kontakt zu Ausländern zu haben und Deiner humanistischen Einstellung?

L.A.: Wenn ich realisiere, dass ich privilegiert bin (gegenüber anderen Palästinensern) und gleichzeitig benachteiligt bin (gegenüber westlichen Leuten), dann möchte ich meine Privilegien behalten. Verstehst Du, ich möchte sie nicht verlieren. Wenn aber von mir ein Verhalten erwartet wird, dass sich von dem der Nicht-Privilegierten unterscheidet, würde ich dies abhlehnen. Wenn ich also ein bestimmtes Verhalten vermeiden muss, das dazu führt, diese Privilegien nicht zu haben, dann würde ich es vermeiden. Ich mag diese Vorteile und ich glaube diesen Leuten, liberal und nicht religiös zu sein. Ich denke oft über diese Dinge nach und ich spreche oft darüber. Und ich denke, sie stoßen etwas in den Gehirnen anderer an, die die Vorstellung haben, aus einem Dritte-Welt-Land oder einer Konfliktzone zu kommen bedeutet, rückständige Ideen zu haben.

Aber ich glaube ich versuche immer sofort das Gegenteil zu beweisen und damit hadere ich momentan. Ich frage mich selber: Warum zwinge ich diesen Teil meiner Identität anderen auf? Es geht um meinen inneren Frieden, das zählt. Mir ist es egal, was andere denken. Das sollte ich jedenfalls denken, aber ich weiß nicht, ob das verwöhnt klingt? Ich glaube es gibt auf der Welt diese Beziehung von Unterlegenen und Überlegenen. Für mich gehören die Ausländer, mit denen ich arbeite, irgendwie zu den Überlegenen, denn sie sind bevorteilt. Und ich glaube, mein natürlicher Wunsch ist es, auch zu den Überlegenen zu gehören. Also tendiere ich dazu, die gleichen Ideen und Ideologien zu teilen, die westliche Menschen haben.

F.L.: Du bist jetzt seit über einer Woche hier und hast Israelis getroffen und gehört, was sie denken und fühlen. Glaubst Du, das hat etwas an Deiner Haltung über den Konflikt verändert? Kannst Du ihre Situation und was sie fühlen verstehen? 

L.A.: Ich denke, ich hatte einen Standpunkt, bevor ich hergekommen bin. Es ist einfach: Wenn ich auf der anderen Seite geboren worden wäre, dann wäre ich die andere Seite. Also hat sich nicht viel geändert, außer dass ich jetzt mehr persönliche Geschichten kenne. Um ehrlich zu sein, wann immer ich eine schmerzvolle Geschichte höre, tut mir das nicht weh. Ich fühle nur den Schmerz, den ich selber erlebe. Das bedeutet nicht, dass ich ihn nicht respektiere, aber ich fühle ihn nicht. Vielleicht ist man kurz in dem emotionalen Moment gefangen, aber danach ist es wieder vorbei. Aber wie gesagt, das war meine Einstellung von Beginn an.

F.L.: Wenn Du daran denkst, zurück nach Palästina zu gehen, inwiefern wird dieses Seminar Dein Handeln dort beeinflussen?

L.A.: Ich möchte an einer friedlichen Lösung mitwirken, aber ich weiß noch nicht wie. Ich weiß, dass ich nur mein Umfeld beeinflussen kann – und das besteht aus Palästinensern. Und ich möchte, dass sie den Frieden unterstützten. Wenn ich in Zukunft ein Gespräch mitbekomme, in dem sich jemand rassistisch äußert oder in dem Gewalt verherrlicht wird, würde ich dem widersprechen. Ich würde sagen: Schau Dir die Situation an. Wenn es um Zivilisten geht, um eine Person, die niemandem etwas zuleide tut, warum sollen wir es unterstützen, sie zu verletzten? Warum schaust du auf die Religion von jemandem und nicht auf seine Menschlichkeit?  Ich möchte, dass meine Unterstützung in diese Richtung geht. Ich möchte Menschen dazu zu animieren, durch die Linse der Menschlichkeit zu blicken.