Home > Teilnehmer*innen > Interview mit Halil B.* aus Palästina, 2016

Hier können wir unsere Meinung äußern, ohne Zensur und Angst

Halil B. (*Name geändert) kommt aus Zababdeh, einem kleinen Dorf in der Nähe von Jenin. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und musste schon als Kind arbeiten, um seine Familie zu unterstützen. Vor Kurzem hat er ein Geschäft eröffnet, um neben seinem Jurastudium seine Familie finanziell zu entlasten. Von seinem Leben unter israelischer Besatzung und den Erfahrungen im Seminar erzählte er Barbara Esser, Khalil Toama und Gudrun Weichenhan-Mer.

B.E.: Welche Erwartungen hattest Du im Vorfeld an das Seminar?

H.B.: Meine größte Angst war, wie meine Gesellschaft meine Teilnahme an diesem Seminar sehen würde, und ich hatte Angst, dass sie es als Kollaboration mit dem Feind betrachten. Als ich meinem Vater davon erzählt habe, sagte er, dass er Vertrauen zu mir habe, weil ich die Stimme des palästinensischen Rechts sei. Das hat mich unterstützt.

B.E.: Was war Deine Botschaft oder was wolltest Du erzählen?

H.B.: Am ersten Tag sollten wir unsere Erwartungen formulieren. Ich habe geschrieben, dass ich mir wünsche, den Israelis zu zeigen, dass wir das Recht haben, auf unserem Territorium in Würde und wie Menschen zu leben.

B.E.: Kannst Du schildern, wie Dein tägliches Leben von der Besatzung geprägt ist?

H.B.: Nach der zweiten Intifada war die Lage schwierig. Mein Vater hatte keine Arbeit, mein Bruder fing an zu studieren. Ich wusste genau, dass mein Vater nicht uns beiden ein Studium finanzieren kann. Eigentlich war es mein Traum, Rechtsanwalt zu werden, aber ich war gezwungen zu arbeiten, um Geld zu verdienen. Die Besatzer haben unser Haus zweimal angegriffen, während wir darin waren. Viele Sachen wurden durch Brandbomben der Israelis verbrannt. Ich wurde mehrmals von den Israelis als Schutzschild benutzt. Ich hätte jederzeit tot sein können. Bis heute empfinde ich es psychisch sehr belastend, Soldaten zu begegnen.

B.E.: Was bedeutet als „Schutzschild“?

H.B.: Die israelischen Soldaten haben mich benutzt, wenn sie ein Haus durchsuchen wollten oder nach jemandem gesucht haben. Dann war ich der Erste, der die Tür oder die Schränke öffnete, denn im Falle eines Falles wäre dann ich getötet worden. Wenn die Soldaten bei der Durchsuchung auf Widerstand gestoßen wären, hätte ich die ersten Kugeln abbekommen.

B.E.: Und Du sagtest, dass in dieser Zeit deine Familie von Jenin nach Zababdeh gezogen ist?

H.B.: Meine Familie hat zu Beginn der 2. Intifada in Jenin gelebt, aber meine Schule war in Zababdeh. Meine Eltern wollten, dass ich auf eine christliche Privatschule gehe, nicht auf eine der öffentlichen in Jenin. Es gab oft Checkpoints in einem Ort namens Beshek, den die Israelis besetzt hatten, und oft konnten wir ihn nicht passieren. Auch sozial gesehen war die Lage in Jenin schwieriger, besonders wenn man kein Moslem ist. Die Akzeptanz zwischen den Angehörigen verschiedener Religionen in Jenin ist problematisch und in Zababdeh, wo eine große Anzahl von Christen lebt, war es einfacher.

B.E.: Kannst Du etwas über deine Erfahrungen im Seminar erzählen?

H.B.: Ich habe gelernt, dass es gut ist, zuerst zuzuhören, was der andere sagt, was die andere Seite anzubieten hat, bevor ich ein Urteil über sie fälle. Ich habe gelernt, nicht sofort aggressiv oder provozierend zu reagieren. Zum ersten Mal habe ich davon erfahren, wie die israelische Seite lebt und wie sie denken. Und wie die israelische Linke die Palästinenser darstellt.

B.E.: Kannst Du Dich diesbezüglich an eine bestimmte Situation erinnern?

H.B.: In meiner Gruppe war ein Israeli, der immer sehr aggressiv reagierte. Ich hatte den Eindruck, dass er mein Feind ist und ich gegen ihn kämpfen sollte. Aber nachdem wir mehrmals miteinander gesprochen haben, besonders in den Eins-zu-Eins-Gesprächen, merkte ich, dass er seine Meinung geändert hat. Er ist sehr viel milder geworden, und ich bin jetzt auch weniger aggressiv und denke, dass das schon eine sehr große Errungenschaft ist, die ich hier in diesem Seminar erreicht habe.

B.E.: Nun eine Frage zu einem ganz anderen Thema: Welche Medien nutzt Du, um Dich über den Konflikt und die Situation zu informieren?

H.B.: Ich brauchte nicht lesen, was passiert, denn ich war während der Intifada mittendrin in dem Konflikt. Ich bin dort geboren und währenddessen groß geworden. Ich lese jeden morgen eine Tageszeitung, z.B. die Al-Quds (Jerusalem), und höre bei der Arbeit Radio und regelmäßig Nachrichten. Ich habe auch im Internet sehr gute Artikel zu diesem Thema gelesen. Das hat in mir den Geist für den Widerstand, für die Sache der Palästinenser gestärkt.

G.W.-M.: Informierst Du Dich auch in der Zeitung oder im Internet über die Lage in Israel? Zum Beispiel auf Internetseiten der Opposition?

H.B.: Nein, über die Lage in Israel habe ich nur gehört, wenn Berichte aus israelischen Zeitungen, besonders Maariv, in der arabischen Presse veröffentlicht wurden. Es war einer meiner größten Fehler, mich nicht direkt über die Lage in Israel zu informieren, aber ich werde dies in Zukunft tun.

B.E.: Wie sehen Deine Zukunftspläne aus?

H.B.: Ich weiß nicht, wie die Menschen in Palästina reagieren werden, wenn ich ihnen erzähle, was ich hier erfahren habe und dass ich mit den israelischen Linken gesprochen habe. Dass man mit ihnen zusammenarbeiten muss, damit sie in ihrer Gesellschaft für unsere Rechte kämpfen oder auf unserer Seite sind. Manche Leute bei uns glauben nicht an so etwas, sondern nur an Gewalt. Hauptsache ist, dass die israelische Linke uns hilft, einen palästinensischen Staat mit den Grenzen von 1967 zu erreichen. Eine israelische Teilnehmerin arbeitet als Dokumentarfilmerin. Vielleicht schaffen wir es, einen gemeinsamen Film zu produzieren. Das wäre natürlich toll.

B.E.: Gibt es noch etwas, was Du zum Abschluss sagen möchtest?

H.B.: Ich werde die Palästinenser unterstützen und dazu bewegen, an Aktionen wie dieser teilzunehmen, indem ich ihnen erkläre, wie wichtig es für uns ist, unsere Sache den Israelis zu erklären. Im Seminar können wir unsere Meinung äußern, ohne Zensur, ohne Ängste, wir haben die totale Freiheit, zu denken und zu sagen, was wir eigentlich wollen. Im Gegensatz zu dort.