Home > Teilnehmer*innen > Interview mit Ben* aus Israel, 2013

*Name geändert

Was gerade passiert, ist meiner Meinung nach grundsätzlich falsch. Aber ich denke, beide Seiten sehen die gleiche Legitimität so weiterzumachen. Sie missinterpretierten die andere Seite. Ich denke, Israel ist verantwortlich, nicht schuldig, aber verantwortlich für das, was passiert. Wir haben mehr Macht, es ist ein asymmetrischer Krieg. Es ist asymmetrisch, aber ein Krieg. Ich widerspreche Leuten, die sagen es sei ein Genozid, denn die andere Seite wendet auch physische Gewalt gegen uns an.

Wie erleben Sie die Situation ganz persönlich?

Ich hatte eine normale Kindheit in Tel Aviv, die sich nicht von einer in Deutschland oder Amerika unterschieden hat. Ich habe den Konflikt nicht wirklich gespürt, bis ich zur Armee eingezogen wurde. Als Reservist habe ich in drei Gaza-Kriegen gekämpft, ich war ein israelischer Soldat. Ich war in der vierten Klasse, als eine Bombe in der Nähe unseres Hauses explodierte.

Begegnen Sie hier in Walberberg erstmals gleichaltrigen Palästinensern?

Es ist das erste Mal, dass ich Palästinensern begegne und das Gefühl habe, sie können offen sprechen.

Geht es Ihnen ähnlich?

Ich denke, diese zwei Wochen haben mir wirklich die Augen geöffnet. Ich persönlich glaube, dass beide Seiten meinen im Recht zu sein. Aber ich denke, dass Gewalt – jetzt verstehe ich, dass Gewalt mehr Gewalt hervorbringt.

Gibt es ein Umdenken in der jungen israelischen Generation?

Einerseits glaube ich, dass es nicht so große Unterschiede zwischen den Generationen gibt. Aber meine Generation, die nach 1967 geboren wurde – nach der Eroberung der Gebiete und dem Leben mit der Besatzung – glaube ich, in einer Art Seifenblase und weiß nicht, was vorher existierte. Wir leben wie zwischen den Welten.

Und dann kommen wir hierhin, und die Blase zerplatzt, und wir verstehen, was wirklich passiert. Und wie wenig eine Seite Recht hat und am Ende alle Unrecht. Ich denke die Blase, die zerplatzt, ist die Verlängerung des Preises, den wir die andere Seite zahlen lassen. Ich denke, Israel hat das Privileg, die stärkere Seite zu sein. Das ist das Dilemma, das ist das Problem.

Krieg sollte niemals die Antwort sein, nur die letzte Folge. Die Geschichte lehrt uns, dass Krieg nie die Antwort sein darf, er kreiert nur mehr Konflikte. Nur Europa hat das verstanden.

Ich könnte mir viele Lösungen vorstellen. Als erstes denke ich, es sollte mehr Treffen mit der anderen Seite geben, um die Trennung zu durchbrechen und die Verteufelung der anderen Seite zu beseitigen. Aber wenn ich nach Israel gehe und den Leuten sage: „Hört zu, das sind Menschen dort auf der anderen Seite, schießt nicht!“, würden sie mich für verrückt erklären.

Was werden Sie mit nachhause nehmen von dieser Begegnung?

Ich glaube, Erkenntnis. Ich werde diese Erfahrung für immer mitnehmen, und ich werde versuchen, auch andere dazu zu bewegen, diese Erfahrung zu machen. Und vielleicht ändert sich dann in ihnen soviel wie in mir.

Werden die Menschen, die hier waren, je aufeinander schießen, wenn Sie wieder zuhause sind?

Wenn man mit der Frage „ich“ oder „er“ konfrontiert ist, würde letztlich jeder „ich“ wählen. Aber es wäre jetzt viel schwieriger. Ich hoffe, ich werde nie in diesem Dilemma sein!

Welche Zukunftsvisionen haben Sie?

Die Situation ist schlimm, beide Seiten wenden sich dem Extremismus zu. Wir müssen uns mehr treffen. Am Ende wünsche ich mir, das wir koexistieren können. Ich glaube an zwei Staaten als Föderation, die vielleicht auch mal ein großer Staat werden können. Aber zu Beginn brauchen wir die Teilung.

Glauben Sie, dass Sie in Ihrem Leben Frieden erleben werden?

(lakonisch) Ich bin pessimistisch.