Home > Aktuelles > „Ich wusste, dass ich auf meine Freund*innen auf der anderen Seite der Grenze zählen kann“

Als das Coronavirus Serbien erreichte wurde unsere so schon schlechte Situation noch schlimmer. Die Krankheit verbreitete sich und in unserem Land gab es weder genug Tests noch wurden zügig irgendwelche Schutzvorkehrungen für die Bevölkerung getroffen. So erreichte das Virus die Krankenhäuser und Panik setzte ein. Es gab keine Möglichkeit medizinische Behandlung zu bekommen, es sei denn Du wurdest positiv auf Covid- 19 getestet. Und dann war da diese wirklich schwerwiegende Manipulation der Medien, oder vielleicht sollte ich besser sagen “ein tiefschwarzer Schatten bedeckte die serbischen Medien”. Die Mehrheit der Medien in Serbien sind regierungstreu eingestellt und so wiederholten sie ständig dass die Krankenhäuser über jede Menge Schutzausrüstung verfügten, während unabhängige Medienportale herausstellten, dass die Situation genau umgekehrt sei. Letztere wurden daraufhin regelmäßig verhaftet und bestraft.

Die Ausgangssperre wurde verhängt und sie wurde Woche für strikter, so dass wir zeitweise vier Tage am Stück unsere Häuser und Wohnungen gar nicht verlassen durften. Wir wurden unseren Grundrechten beraubt, manipuliert und jede*r die oder der sich dagegen erhoben hat, wurde verhaftet. Die bedeutete, dass in Zeiten von Corona in Serbien “die Stärkeren über die Schwachen herrschten”.

Trotzdem zeigte sich währende der Ausgangssperre auch eine positive Seite auf die wir sehr stolz sind. Freiwillige des Community Development Centers LINK (Anmerkung: unsere Partnerorganisation in Sombor) und Mitglieder des Netztwerks Youth United in Peace (YU-Peace) zeigten sich solidarisch. Einige engagierten sich beim Roten Kreuz und verteilten Lebensmittel an Einwohner*innen über 65 Jahre (da ältere Menschen über 65 lange überhaupt nicht ihr Haus verlassen durften). Andere organisierten sich selbst, um für Familienangehörige und ältere Nachbar*innen einzukaufen oder Medikamente in Apotheken abzuholen. Während des Ausnahmezustands hielt LINK Online- Workshops ab, um so mit den Freiwilligen in Kontakt zu beiben und um gemeinsam verschiedene Aktivitäten zur Unterstützung derer zu planen, die durch den Ausnahmezustand und den damit verbundenen Maßnahmen gefährdet sind.

Wir erhielten ein Nothilfegelder von Medica Mondiale, die auch schon zuvor ein Projekt von LINK finanziert hatten. Diese werden wir nutzen, um alleinerziehende Frauen* zu unterstützen, die ihre Arbeit im Zuge des Ausnahmezustands verloren haben. Wir planen ihnen Einkaufsgutscheine für Lebensmittelgeschäfte von Frauen* zur Verfügung zu stellen, deren Kleinunternehmen ebenfalls auf Grund der Pandemie leiden/ wirtschaftlich unter Druck stehen/kränkeln. Zusätzlich werden wir Informationsposter in Geschäften und Apotheken aufhängen, über die Frauen* die von Gewalt betroffen sind, Notfallnummern erfahren über die Kontakt zu Hilfsangeboten aufnehmen können. Informationen mit Nothilfenummern, die Frauen für psychologische Unterstützung, bei Selbstmordgedanken oder zur Unterstützung Personen die von Menschenhandel betroffen sind, werden wir ebenfalls an diesen Orten auslegen.

 

Außerdem planen wir zusammen mit den anderen Partner*innen des grenzüberschreitenden Netzwerks YU-Peace als Ersatz für die große Begegnung die wegen der Corona-Pandemie ausfallen wird, ein mehrtägiges Online-Camp. Dieses Camp soll den YU-Peace Aktivist*innen ermöglichen in Kontakt mit ihren Freund*innen in den anderen Ländern zu bleiben und so den Aufbau von wirklichem Frieden auch in diesen schwierigen Zeiten am Leben zu halten/ aufrechtzuerhalten. Die Aktivist*innen sind total begeistert von der Idee und haben sehr viel Lust daran teilzunehmen. Manche von ihnen sind auch jetzt schon über Videochat miteinander in Kontakt und unterstützen sich gegenseitig in der Krise, wodurch sich einmal mehr die Kraft und Stärke unsere grenzüberschreitenden Netzwerks zeigt. Egal in welcher Lage, egal wie schwierig die Situation- es ist wunderbar zu erkennen, dass du Freund*innen auf den anderen Seiten der Grenze hast. Freund*innen, die dir mindestens einmal in der Woche eine Nachricht schreiben, um zu schauen wie es dir geht, ihre Unterstützung anbieten oder Stunden mit dir Abends im Videochat reden. Diese Unterstützung bedeutet mir am meisten. Ich weiss, dass meine Freund*innen auf den anderen Seiten der Grenze meinen Videoanruf annehmen werden und ihre Hilfe anbieten werden, und dass sie mir dadurch ermöglichen mich auch während der Quarantäne zu “treffen” und miteinander Zeit zu verbringen. Ich bin dankbar, dass das Netzwerk YU-Peace existiert, da ich dort echte Freund*innen gefunden habe, Freund*innen die solidarisch und empatisch sind, und den Wunsch und die Ausdauer haben, selbst in diesen schwierigen Zeiten für den Frieden aktiv zu bleiben und die ihr bestes geben, die Kraft von YU- Peace zu erhalten.