Home > Teilnehmer*innen > Muhammad A.* (Palästina): „Unter anderen Bedingungen würden sie zu meinen besten Freunden zählen“, 2018

Muhammad* (Name geändert), palästinensischer Teilnehmer des allgender-Seminars, studiert Medienwissenschaften und Journalismus. Im Interview teilte er mit Khalil Toama seine Gedanken und Gefühle zum Seminar und sprach über Theater als Methode der Konfliktbearbeitung.

Khalil Toama: Muhammad, du hast 26 Stunden gebraucht, 3 – 4 Grenzen überquert, um hier in Deutschland Menschen zu treffen, die Du theoretisch nach einer kurzen Fahrt mit dem Auto treffen könntest. Warum?

Muhammad. A.: Meine Mutter war besorgt, weil ich ins Ausland fliege. Sie hatte aber Angst, ihren Schwestern zu erzählen, wohin ich fliege und zu welchem Zweck. Meine Umgebung könnte sofort die Begegnung mit jüdischen Israelis als ‚Normalisierung’ mit dem Feind, also als eine Art Verrat sehen. Sie erzählte mir, dass einige Menschen, zu Unrecht hingerichtet wurden wegen so eines ‚Verrats’, obwohl sie unschuldig und keine Spione waren. Am Grenzübergang zu Jordanien, wurden wir verhört und durchsucht.

Ich bin trotzdem gekommen, erstens weil ich volles Vertrauen zu dieser Organisation habe, da ich weiß, dass sie in Ordnung ist. Zweitens wünsche ich mir von ganzem Herzen, den Konflikt zu lösen. Drittens wollte ich wissen, was die andere Seite denkt, wie sie lebt und was sie vorhat. Und schließlich, um die Wahrheit über uns zu vermitteln, da ich glaube, dass Wissen eine Waffe ist. Außerdem wollte ich gern andere Länder und Menschen kennenlernen.

K.T.: Ist es dir gelungen, die Wahrheit über deine Realität überzeugend darzustellen?

M.A.: Aufgrund ihrer Reaktionen kann ich sagen, dass dies nicht 100% sondern eher 70 % gelungen ist.

K.T.: Hat die andere Seite Dich überzeugt, dass ihre Ansichten richtig sind? Wo gab es zwischen euch Meinungsunterschiede?

M.A.: Ehrlich und offen gesagt, die andere Seite hat mich in einigen Dingen geschockt. Als Beispiel kann ich die Geschichte des jungen Israeli anführen, der den Militärdienst verweigerte. Seine Familie lehnt ihn als Person, als Familienmitglied ab und hat jeden Kontakt zu ihm abgebrochen. Trotzdem blieb er seiner Haltung treu. Ich habe so was in der israelischen Gesellschaft nicht erwartet. Ich glaube jetzt, man kann auch in der Armee dienen und trotzdem versuchen, sie von innen zu ändern. Ich weiß nicht genau, bis zu welchem Grad, es lohnt sich jedoch, es zu versuchen.

K.T.: Muhammad, ich begleite und betreue Gruppen seit 14 Jahren. Eure Gruppe ist die erste, die das Theater als Medium benutzt, um alle Seiten des Konflikts zu erläutern, zu behandeln. Warum?

M.A.: Ich studiere Medienwissenschaften und Journalismus, und als Teil des Studiums behandeln wir auch das Thema Theater, Kunst und Medien. Ich weiß, wie diese die Welt und die herrschenden Meinungen beeinflussen können, und persönlich interessiere ich mich für Drama. Ich sehe gerne palästinensisches historisches Drama. Die Darstellung des Leidens, der Aspirationen der Menschen und Konfliktlösungen durch „bewegliche Bilder“, wie ich Theater, Filme etc. nenne, hat mehr Einfluss auf den Betrachter, weil sich ihm diese Themen näher, persönlicher darstellen. Die Wirkung ist viel größer, als was die Waffen erreichen können. Sie können Waffen erübrigen, wertlos machen. Für mich war es einfacher, im Spiel über meine Erfahrungen mit der Besatzung zu reden.

K.T.: Weil sich durch Theater Erfahrungen anonymer vermitteln lassen?

M.A.: Das auch, aber nicht nur. Als ich die Rolle des Kranken und Psychiaters spielte, habe ich mich während des Spiels an viele Einzelheiten erinnert und sie spontan in den Dialog integriert. In einem Vortrag hätte ich sie nicht erwähnt. Das Theater hat meine Darstellung glaubhafter gemacht.

K.T.: Kannst du für die Leser eine Kurzversion deiner Geschichte geben?

M.A.: Meine Geschichte spielt in Nablus: Die israelische Armee drang in die Stadt ein, um einen gesuchten jungen Palästinenser zu inhaftieren oder zu töten. Der Junge hielt sich in einem Verwaltungsgebäude versteckt. Die Armee belagerte das Gebäude und das ganze Viertel drei Tage lang. Der Junge ergab sich nicht. Die Armee zerstörte das Gebäude über dem Kopf des Jungen. Ich war Zeuge, als die Armee zwei Jungs getötet hat und stand der Kanone eines Panzers gegenüber. Ich war acht Jahre alt. Ich hatte sehr viel Angst, über die ich mit niemandem reden konnte. Ich war traumatisiert. In anderen Gesellschaften hätte ich psychologische Hilfe gebraucht und bekommen.

K.T.: Wie hast du es verkraftet? Wie hat es dein Leben geändert?

M.A.: Ich reagiere auf die Geschehnisse, egal wie schlimm und brutal sie sind, mit Zynismus. Ich schaffe meine innere Balance mit Lachen, was mich bewegt hat, zum Psychiater zu gehen. Das demonstrierte ich in der Theaterrolle, die ich spielte. Meine Grundhaltung ist, traurig und allein zu sein. Die Menschen merken es und meiden mich, weil sie keine traurigen Menschen mögen.

K.T.: Du hast aber eine Familie mit der du noch gemeinsam lebst?

M.A.: Ich lebe mit bzw. bei meiner Familie, jedoch in meinem Zimmer. Alles was ich erlebt habe, ist eine Erinnerung an Vergangenes. Vielleicht ein Schutzmechanismus.

K.T.: Im Moment hast du hier in Walberberg unterschiedliche Menschen kennengelernt, eventuell neue Freundschaften geknüpft oder politische Bündnisse. Was würdest du zuhause darüber berichten?

M.A.: Meinen Eltern werde ich erzählen, dass die israelische Gesellschaft nicht genau so ist, wie wir sie uns vorgestellt haben. Kein einheitliches Gebilde, sondern, dass die Menschen, die dort leben, verschiedene Meinungen und Ideen haben. Dies wurde sehr deutlich innerhalb der jüdischen Gruppe hier. Einige israelische Teilnehmer waren so sympathisch, dass ich sie unter anderen Bedingungen zu meinen besten Freunden zählen würde. Sie kamen jetzt leider als Teil meines Feindes. Es gibt zwischen uns eine Art Spalt, den man nicht überbrücken kann. Ich habe keine Probleme mit Juden generell, nur mit denjenigen, die daran glauben, Gott hätte ihnen das ganze Land versprochen und wir sollten abhauen. Also mit Zionisten. Wenn wir den Konflikt zwischen uns gerecht lösen, werde ich kein Problem haben, miteinander zu leben, Nachbarn zu sein. Wir haben in Nablus eine jüdische Gemeinde, die Samaritaner, mit der wir seit jeher in Frieden leben, sie besuchen unsere Schulen, sprechen Arabisch in unserem Dialekt, essen und kochen wie wir.

K.T.: Wie würde die endgültige Lösung des blutigen Konflikts aussehen? Zwei Staaten, ein Staat oder was anderes?

M.A.: Ich war im Prinzip nie ein Anhänger der Zwei-Staaten-Lösung. Es ist eine dumme Idee, die faktisch und praktisch nicht realisierbar sein kann. Die vielen Siedlungen haben diese Möglichkeit längst zu Grabe getragen. Ich befürworte die Ein-Staaten-Lösung. Man muss sich einigen, wie der Staat heißen soll und wer den regiert.

K.T.: Du wolltest mit dieser Reise andere Gesellschaften kennenlernen. Du hast in Deutschland viele Menschen und Initiativen wie das Klimacamp oder die Kölner Initiative „Keupstraße ist überall“ erlebt. Was nimmst du mit nach Hause?

M.A.: Wir haben in Palästina ähnliche Aktivitäten, die von dem israelischen Staat brutal bekämpft werden. Zum Beispiel das Dorf Sussia südlich von Hebron. Hier will der Staat die palästinensischen Beduinen vertreiben, damit dort eine Siedlung entsteht, obwohl die Ländereien gemäß dem Grundbuch den dortigen Bewohnern gehören. Wann immer diese Häuser bauen, kommt die Armee und zerstört sie auf Kosten der Bauherren.

Was die Initiative gegen Rassismus in Köln betrifft, finde ich es toll, dass die sich um gerechte Behandlung der Nicht-Deutschen bemüht, gute Verteidiger und Juristen vermittelt. Zum Glück habt ihr hier unabhängige Gerichte, anders als bei uns unter Besatzung, wo die Gerichte voreingenommen sind.