„Den Frieden aufbauen“

„Irgendwo zwischen Krieg und Frieden“ beschrieb der serbische Sänger und Friedensaktivist Milan 2013 die Situation im ehemaligen Jugoslawien, bei einem Auftritt im Rahmen einer großen Feier mit ehemaligen TeilneherInnen im bosnischen Tuzla zum 20-jährigen Bestehendes Projekts.

Auch 24 Jahre, nachdem der Krieg durch den Vertrag von Dayton beendet wurde, herrscht immer noch kein Frieden in der Region.

Die Jugendlichen haben den Krieg nicht mehr erlebt, aber seine Auswirkungen bestimmen ihr Leben. Die Infrastruktur und die wirtschaftlichen Beziehungen wurden zerstört, es mangelt an Perspektiven für die Zukunft, in allen drei Ländern liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei ca. 40%. In der Politik sind die alten Kräfte wieder an der Macht, nationalistische Töne bestimmen das politische Klima. Viele Jugendliche haben das Gefühl, die Zeit wäre stehen geblieben, als hätte sich jahrelang nichts entwickelt. Und ein Funke genügt, um die Feindseligkeiten wieder anzufachen. Bei einem Qualifikationsspiel zur Fußball-EM zwischen Serbien und Albanien kam es im Oktober 2014 zu Krawallen im Stadion. In verschiedenen serbischen Städten wurden Bäckereien von albanischen Inhaber*innen angezündet.

Die meisten jungen Leute wollen ihr Leben hingegen nicht mehr durch die Vergangenheit und die Spaltung nach ethnischen Kategorien bestimmt sehen. Als beispiels-weise die Stadtverwaltung in Jajce, Bosnien-Herzegowina, 2016 eine eigene Schule für Bosnier*innen bauen wollte, wehrten sich die Schüler*innen vehement dagegen. Sie gingen auf die Straße, schrieben Briefe an die Kommunal-politiker*innen und die Landesregierung und drohten mit einem Boykott der neuen Schule: „Wir lassen uns nicht von dem Nationalismus vergiften, auf dem dieser Staat beruht, der alles in drei Ethnien teilt“, schrieben sie. Und ihr Protest hatte Erfolg, die Stadtverwaltung gab den Plan zum Bau der neuen Schule auf. Ein aktiver Schüler sagte in einem Interview:„Das wichtigste ist, dass die Schüler gewonnen haben, obwohl sie weder von ihren Eltern, ihren Lehrern und der lokalen Gemeinschaft unterstützt wurden, die sich während der ganzen Auseinandersetzung weg duckten (…) dies ist der Beweis dafür, dass sogar Schüler mit ihren Aktionen politische Entscheidungen rückgängig machen können.“ (Alle Zitate aus dem Online-Portal Buka, Bosnien-Herzegowina).

Jeden Sommer laden wir Jugendliche aus Serbien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina zu gemeinsamen Begenungsfreizeiten am Meer ein. Die Teilnehmer*innen bekommen die Möglichkeit, aus den alten Denkmustern auszubrechen, lernen die „Anderen“ kennen, diskutieren in Workshops über ihre gemeinsame Geschichte und stellen fest, dass es nicht nur eine, sondern mindestens drei Wahrheiten darüber gibt. Sehr wichtig ist für sie, dass bei den Begegnungen alle gleich sind, dass keine Unterschiede gemacht werden. Die gemeinsame Zeit gibt ihnen Mut und Hoffnung für eine bessere Zukunft und die Erkenntnis, dass sie selber etwas dafür tun können.

Die Teilnehmenden erregen mit ihren Aktivitäten immer wieder Aufmerksamkeit. 2012 stellten sie ein Video online, in dem sie gemeinsam „Samo Da Rata Ne Bude“ singen, ein Lied, mit dem der Sänger Dorde Balasevic, bereits 1986 vor dem sich abzeichnenden Krieg warnte. Das Video fand in allen drei Ländern große Beachtung: In den ersten zwei Wochen wurde der Clip rund 70.000 mal angeklickt, die großen Tageszeitungen übernahmen ihn in ihre elektronischen Ausgaben, auf 129 Plattformen wurde heftig darüber diskutiert. Es gab nationalistische Anfeindungen, aber auch viel begeisterte Unterstützung für die Aktion, zahlreiche Kommentator*innen setzten sich mit ihrer eigenen Rolle vor, während und nach dem Krieg auseinander.

Für die meisten der Teilnehmenden bleibt es nicht bei der Erstbegegnung am Meer. Organisiert von unseren Partnerorganisationen finden übers Jahr hinweg verschiedene länderübergreifende Aktivitäten wie zum Beispiel Wochenendbesuche in die verschiedenen Städten statt. Zudem gibt es jedes Jahr auch ein „Camp“ für ehemalige Teilnehmende und 2016 konnte zum ersten Mal ein Treffen für junge Erwachsene organisiert werden, die vor vielen Jahren an einer Begegnung am Meer teilgenommen hatten. Für viele ehemalige Teilnehmende war dies die erste Möglichkeit, sich wieder zu treffen, ihre Erfahrungen auszutauschen und über eine weitere Zusammenarbeit zu diskutieren.

Im Sommer 2014 schlossen sich unsere Partnerorganisationen zu dem länderübergreifenden Netzwerk Youth United in Peace (YU-Peace) zusammen, um die Zusammenarbeit über die Grenzen weiter voranzutreiben und stärker sichtbar zu machen. Im Dezember 2016, nur zwei Jahre später, wurde YU-Peace für seine Arbeit mit dem „Krunoslav Sukić-Preis“ des „Zentrums für Frieden, Gewaltfreiheit und Menschenrechte“ in Osijek, Kroatien ausgezeichnet.