Ahmed aus Palästina (2014)

Ich will nicht die andere Seite sein!

Ahmed (im Schatten des Jasmin, 2010) arbeitet heute als Arzt im Hadassah Krankenhaus in West-Jerusalem, Israel, wo er im Herbst 2014 Opfer des Anschlags auf eine Synagoge behandelte.

Eine Zigarette zwischen meinen Fingern, einen Kaffee in der Hand, es war ruhig, aber kalt draußen vor dem Hadassah Krankenhaus in der sogenannten „Stadt des Friedens“. Es war 7:30 Uhr nach einer 24-Stunden-Schicht, und ich begann langsam die Minuten und Sekunden zu zählen, bis es endlich 8 Uhr war und ich „friedlich“ nach Hause gehen konnte.

„Mawteny mawteny la la la“ (Oh mein Heimatland, oh mein Heimatland), der Klingelton meines Mobiltelefons schreckte mich auf. Eine scharfe, fast wütende Stimme sagte: „Dr. Nasser, ich will sie unverzüglich mit ihrem Ultraschallgerät in der Notaufnahme sehen!“ – es war der Manager des Krankenhauses. Auf dem Weg in die Notaufnahme hatte ich keine Ahnung, dass ich zu einer der blutigsten Episoden dieser Tage in Jerusalem gerufen wurde. Dutzende Ärzte waren bereits da, die meisten von ihnen Chirurgen, und spätestens jetzt wusste ich, dass der Morgen die Hölle werden würde.

„Leute, wir erwarten vier Verletzte, alle schwerverletzt“, sagte der Oberchirurg. Ich sprach einen „arabischen“ Arzt an, der in meiner Nähe stand „Hey, ganz kurz, was ist passiert?“ Er bat mich näherzukommen und flüsterte: „Zwei Araber haben einen Anschlag auf eine Synagoge in West-Jerusalem verübt, es gab Tote und Verletzte, soviel wissen wir bisher.“ Ich sah ihn an mit einem Gesichtsausdruck, der sagte: „Das wird schlimm!“ Ich weiß nicht, wie wir beide meinen Gesichtsausdruck interpretierten, heute denke ich, nichts kann ihn besser beschreiben als der Begriff „Konfliktgesicht“.

Der erste Verletzte wurde eingeliefert gefolgt von zwei weiteren Patienten, ein vierter folgte wenige Minuten später. Der Raum war voll mit allem, vor allem aber voll mit angespannten Emotionen. Ich versuchte mir die Situation von außen anzusehen, aber ich war viel zu sehr Teil davon.

Mir fiel es schwer meine Gedanken zu sortieren. „Ultraschall fertig, kommen Sie rein“ – der Oberchirurg riss mich mit seiner scharfen und lauten Stimme aus meinen Gedanken. Ich, Palästinenser aus der konfliktgebeutelten Stadt Tulkarem, der zwei seiner Freunde in einer dieser blutigen Episoden verloren hat, stand hier, neben zwei schwerverletzten jüdischen Patienten, die von zwei jungen Palästinensern angegriffen wurden. Palästinensern wie mir. „Oh Konflikt, wie verzwickt verdreht und verworren du sein kannst.“

„Positiv oder negativ?“ fragte mich der Chirurg. „Positiv“, sagte ich, was hieß, dass der Patient innere Blutungen hatte. „Wir bringen ihn sofort in den OP, alles fertig machen, los!“

Zwei Palästinenser greifen einen Israeli an, und ein israelischer Arzt wartet auf das Ergebnis eines palästinensischen Arztes, um zu entscheiden, ob operiert werden muss oder nicht!

Nach meinem Dienst holte ich meine Tasche, schrieb ein paar Berichte fertig, bevor ich das Krankenhaus verließ. Ich traf die Sekretärin unserer Station, und in solchen Momenten hasse ich es, Leuten ins Gesicht oder in die Augen zu sehen. „Sag mir, Ahmed, wann werden wir das beenden? Wann hört das auf?“ fragte sie mich mit emotionslosem Gesichtsausdruck. „So sehr ich dich schätze, Keren, aber ich weiß auch nicht wann und wie das enden wird. Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht.“

Ich war wütend. Wie immer stellte ich die „andere Seite“ dar, der solche Fragen gestellt werden. Ich hob und senkte meine Schultern, ich fand meine eigene Reaktion rätselhaft und verließ eine weitere rätselhafte Situation in diesem einmaligen Konflikt.

„Patria o muerte“ (Heimat oder Tod) sagte Che Guevara in seiner Rede vor der UN in den 60er Jahren. Ich weiß nicht, warum mir dieser Ausspruch in den Sinn kam, während ich nach Hause ging. Ich möchte mein „Vaterland“, aber ohne Märtyrer. Ich möchte als Palästinenser atmen können, aber ohne den Geruch von Blut. Ich möchte es aufbauen, darin leben – Palästina. Aber nicht auf den Gräbern anderer. Weißt Du, kurz gesagt, ich will nicht diese „andere Seite“ sein!