Interview mit Yael aus Israel (2013)

Für mich ist das hier tatsächlich die erste Gelegenheit, Palästinenser zu treffen. Und natürlich sind sie Menschen, die zum Beispiel wie ich studieren. Ich wollte ihre Kultur kennen lernen, wissen, wie sie miteinander reden, wie sie Respekt zeigen, welche Meinung sie vertreten.

Manche der Palästinenser sind sehr vorwurfsvoll und klagen mich an, aber letztlich sind wir uns sehr ähnlich. Manchmal ist es lustig, wenn wir zusammen am Tisch sitzen, miteinander lachen und es nett ist. Und dann sind die Dialogrunden wieder sehr angespannt, denn die unterschiedlichen Vorstellungen und Ideologien sind schwer miteinander vereinbar.

Ein grundsätzliches Thema ist, dass fast alle Israelis bei der Armee waren. In Israel ist der Dienst in der Armee zwingend. Für die Palästinenser bedeutet dies, dass wir Teil des Terrors in ihrem Land sind. Ein anderes Thema ist das Grundrecht aller Menschen, da zu sein, wo sie sind. Ich bin die Enkelin einer Holocaust-Überlebenden. Wenn mir jemand sagt, ich solle zurück nach Polen gehen, führt das natürlich zu Spannungen.

Wie macht sich der Krieg in Gaza in den Diskussionen bemerkbar?

Die Palästinenser hier kommen aus der Westbank, nicht aus dem Gaza-Streifen, sie sind also selber nicht direkt betroffen. Aber ich denke, viele Israelis spüren die Besatzung in ihrem alltäglichen Leben nicht – ich lebe in Tel Aviv zum Beispiel ein normales Leben. Die Palästinenser hier leben in der Westbank, sie müssen Checkpoints passieren und spüren die Besatzung täglich. Aber jetzt während dem Krieg fühlt jeder in Israel den Konflikt. Da sind Bomben in Tel Aviv, viele Soldaten wurden getötet. Auch einer, den ich persönlich kannte. Für die Israelis war es in gewissem Sinne ein Aufwachen im Konflikt. Ich hatte schon vor Beginn des Krieges beschlossen, an diesem Seminar teilzunehmen. Und ich kann sagen, dass es mich in den letzten Wochen, durch alles was passiert ist, sehr beschäftigt hat zu wissen, dass ich herkommen werde. Manchmal dachte ich, dass es mir etwas Hoffnung gibt. Und manchmal dachte ich, dass die letzten Wochen einfach zu viel für mich waren. Und dass ich es nicht auch noch ertragen kann, den Schmerz der anderen Seite zu hören.

Wie ist die Meinung junger Israelis über junge Palästinenser?

Ich kann nicht sagen, was genau der durchschnittliche Israeli sein soll. Es gibt so viele unterschiedliche Gruppierungen. Ich kann sagen, dass meine Freunde und Leute in meiner Umgebung wollen, dass der Krieg endet, und glauben, dass die Besatzung schlimm und schmerzhaft ist. Viele Leute haben extrem viel Angst vor Palästinensern und palästinensischem Terror und können noch nicht einmal an Mitgefühl mit den Palästinensern denken. Die Durchschnittsbevölkerung unterstützt die israelische Armee, sowie die Regierung und ihre Entscheidungen.

Haben Ihnen die vergangenen Tage und die Gespräche ein vertieftes Verständnis für die Sichtweise der „anderen Seite" vermittelt?

Ich war vorher schon kritisch gegenüber der Situation, jetzt weiß ich viel, viel mehr darüber. Und ich persönlich kann jetzt ein Gesicht und eine Geschichte mit Dingen verbinden, die für mich vorher nur Fakten waren.

Aber ich denke, man kann die ideologischen Argumente nicht übergehen. Man muss darüber sprechen. Ich glaube auch, wenn wir dies nicht täten, würden die meisten Palästinenser gar nicht mit uns reden, denn sie tragen viel Wut mit sich. Und ich könnte das auch nicht, einfach nur nett zueinander sein. Denn wir haben diese Emotionen und Gedanken bezüglich der Situation und wir müssen sie raus lassen und aussprechen können.

Was müsste sich ändern?

Vieles. Das erste, was wir bräuchten, ist Vertrauen. Ich glaube, Israelis und Palästinenser haben null Vertrauen in die andere Seite – beide wurden zu oft verraten, wenn es um eine Lösung ging. Wenn wir Vertrauen aufbauen und uns anerkennen könnten, dann könnten sich Dinge ändern.

Was war für Sie die wichtigste Erfahrung hier?

Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, einfach die persönlichen Geschichten jedes einzelnen – und die waren meist hart und schwer zu ertragen.

Ich werde die Menschen und ihre Geschichten mit nach Hause nehmen, mich an sie erinnern, denn sie repräsentieren die Situation, in der wir leben. Außerdem möchte ich Arabisch lernen. Und ich werde den Leuten in Israel sagen, dass es dort Menschen gibt, mit denen man reden kann. In Israel sagen sie so oft, dass wir keine Partner auf palästinensischer Seite haben. Ich glaube, die Partner, die wir hatten, wurden von uns sehr verletzt, und das macht es schwer zu reden. Aber es gibt sie, und ich hoffe, dass die Leute in Israel anfangen können, daran zu glauben. Erstmal nur daran glauben!