Hintergrund und Entwicklung

Freizeiten in Montenegro für Kinder aus Kosova/o  -  2004

(Albert und Elke Scherr – Broschüre 2004, S. 48f)

Sind gemeinsame Freizeiten am Ende des multiethnischen Kosovo/a noch sinnvoll oder möglich?

Der Kosovo ist nach wie vor ein umkämpftes Terrain, für das keineswegs ausgeschlossen werden kann, dass nationalistische Kräfte in der Lage sind, einen erneuten Bürgerkrieg in Gang zu setzen. Deutlich wurde dies erneut im März 2004: Scheinbar spontane, aber gut organisierte und koordinierte Angriffe nationalistischer Albaner auf die serbische Minderheit fanden in allen Teilen des Kosovo statt.

27 Kirchen und Klöster brannten, 19 Menschen wurden getötet, ca. 1.000 verletzt und über 4.000 vertrieben. Sichtbar wurde unter anderem, dass die inzwischen von über 40.000 auf 15.000 Personen reduzierte KFOR-Truppe nicht in der Lage war, den Schutz der serbischen Minderheiten zu gewährleisten. Gegen den Bundesnachrichtendienst wird der Vorwurf erhoben, dass er früh von den Planungen wusste, ohne darauf zu reagieren, sowie dass einer seiner Informanten wesentlich an diesen Planungen beteiligt war.

Seitdem gewinnt eine Deutung zunehmend politisch an Einfluss, die das Scheitern der Idee eines multiethnischen Kosovo für gewiss erklärt und mit dem Eingeständnis verbindet, dass eine Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien-Montenegro nicht mehr zu vermeiden sei. Darauf deuten auch die Wahlergebnisse im Herbst 2004 hin. Und für das Jahr 2005 wird mit einer weiteren Zuspitzung der Situation gerechnet, da ein Referendum zur Statusfrage ansteht. Seit 1999 haben bereits ca. 240.000 Serben und Roma den Kosovo verlassen, und mit jeder neuen Fluchtwelle löst sich die Minderheitenfrage weiter auf.

Das hatte und hat auch erhebliche Konsequenzen für die Durchführung der Freizeiten: Die Zahl der nicht-albanischen Kinder im Kosovo sinkt, und zugleich waren, wie im Weiteren noch deutlich wird, erhebliche Anstrengungen zu verzeichnen, dass überhaupt serbische Kinder und Betreuer an den Freizeiten teilnahmen.

Es gibt politisch also nichts Positives zu berichten. Warum wir dennoch weiterhin Begegnungsfreizeiten für Kinder aus dem südlichen Kosovo durchführen, wird im folgenden Bericht von Dorit Riethmüller deutlich, die seit 3 Jahren verantwortlich an der Durchführung der Freizeiten beteiligt ist.

Plädoyer für weitere Kinderfreizeiten

(Dorit Riethmüller)

Wieso mache ich mich zum dritten Mal auf den Weg, um zusammenzubringen, was dort sonst nicht zusammenkommt. Ein Freund, der seit langem auf dem Balkan arbeitend unterwegs ist, entkräftete meinen Zweifel: "Wer mal zusammen gespielt hat, dem fällt es später schwerer, auf das gleiche Gesicht zu schießen."

Ich habe meine Hoffnungen und Erwartungen schon letztes Jahr heruntergeschraubt und halte es eher wie Marie-Janine Calic von der Stiftung Wissenschaft und Politik, die sagt: "Angesichts der in der Provinz waltenden Umstände wäre es schon ein großer Fortschritt, wenn die Volksgruppen zumindest gefahrlos koexistieren würden." So kamen an einem Sonntagmorgen im August 40 albanische und 20 serbische Kinder aus dem jeweils albanischen und serbischen Teil der immer noch getrennten Stadt Rahovec/Orahovac und dem nur wenige Kilometer entfernten rein serbischen Dorf Velika Hoca zusammen. Dazu vier albanische und zwei serbische ErzieherInnen. Es war etwas schwierig, dieses Jahr serbische Kinder zu finden, da nach den März-Vorfällen Russland 500 serbische Kinder aus dem Kosovo zu Sommerferien eingeladen hatte, Griechenland serbische Kinder willkommen hieß, und auch das serbische rote Kreuz bereits serbische Kinder aus dem Kosovo ans Meer geschickt hatte. Das serbische Dorf war also manchmal kinderleer und die schon etwas frustrierten zurückgebliebenen Erwachsenen fragten sich: Wer lädt eigentlich uns einmal ein?

Trotz der vielen Gönner blieb die Idee, ein multiethnisches Kosovo zu unterstützen, bisher dem Komitee für Grundrechte und Demokratie und den Organisationen "Hareja" und "Jefimia", die die Freizeiten vor Ort vorbereiteten, vorbehalten.

Die Tage waren morgens und abends mit Baden und Spielen am Strand sowie zweimal am Tag gemeinsamem Basteln oder kleinen Workshops gut gefüllt. Dank des eingespielten Teams von ErzieherInnen und der Unterstützung durch "Hareja", "Jefimia" und "Amica" gab es auch dieses Jahr keine Probleme, die Kinder zu mischen und ein entspanntes, freundliches Miteinander entstehen zu lassen.

Fatime mit sechs Jahren und ihrem sympathischen Silberblick (sie besucht die Behindertengruppe von Hareja in Rahovec) sprach kein Wort serbisch und eroberte dennoch mit ihrer Anhänglichkeit und ihrem Zutrauen, das sich nicht ethnisch orientierte, besonders die serbischen Jungenherzen, die sich gerne von ihr kitzeln ließen und sie trotzdem, auch wenn sie kein Wort verstand, auf serbisch vollquasselten. Das serbische Pendant dazu war Andjelina. Ebenfalls sechs und rotzfrech, schob sie sich immer wieder mit ihrer quietschigen Stimme zwischen die albanischen Mädchen und weckte deren Mutterinstinkte.

Da diesmal keine großen serbischen Mädchen dabei waren, blieben die albanischen Mädchen eher unter sich, von ein paar Flirtversuchen der serbischen Jungen abgesehen. Wogegen die Jungen beider Seiten, nach einer gewissen Anlaufzeit, doch auch manchmal zusammen loszogen und zumindest beim Breakdance am Abend jeder zeigte, was er konnte, und alle von allen bejubelt wurden.

Dennoch - beim Fußball musste die albanische Hymne gesungen werden. Soviel Nationalismus muss sein. Die Serben sahen das wohl nicht so verbissen. Zwischendrin hörte man immer mal wieder, dass die albanischen Kinder sich untereinander ermahnten, albanisch und nicht serbisch zu sprechen. Manchmal fragten die serbischen Kinder nach albanischen Wörtern.

Und wie hielten's die Alten? Wir saßen jeden Abend mit den BetreuerInnen beider Seiten zusammen und planten den nächsten Tag. Danach wurden Witze erzählt.

Nazrije (Albanerin) hatte ihr Fotoalbum mit dabei und Lilje (Serbin), die seit Kriegsende im serbischen Teil von Rahovec lebt und sich immer noch nicht in den albanischen Teil traut (wie auch all die anderen SerbInnen), entdeckte auf den Fotos die Gesichter wieder, die sie noch zu Friedenszeiten als Kindergärtnerin betreut hatte, und die inzwischen zu jungen albanischen Frauen herangewachsen sind.

Über Politik will keiner reden, und als wir es doch einmal versuchten, endete es nach kurzer Zeit in einem Witz über Milosevic und Rugova. Einig sind sich alle, dass das Leben schwierig ist, wenn man mit knapp 200 Euro im Monat über die Runden kommen muss.

Wie das Leben weitergeht - darauf hat keiner eine Antwort. Vesna ist enttäuscht, dass serbische Rückkehrer finanziell unterstützt werden und jene, die geblieben sind, nichts bekommen. Lilje sagt, sie bleibe im Kosovo, auch wenn ihre Kinder inzwischen bis auf den Jüngsten in Belgrad lebten. Nazrije ist der Meinung, dass immer noch sinnlos Panik verbreitet wird, nach dem Motto - die Serben sollen sich auf gar keinen Fall alleine unter die Albaner trauen.

Allen ist klar, dass sie zusammen leben müssen, und dass sie das auch irgendwie hinbekommen werden, im Gegensatz zu den internationalen Zweiflern, die immer wieder behaupten, dass das auf dem Balkan eben nicht gehen würde.

Und ich? Wenn ich daran denke, dass viele dieser Kinder keinen Vater mehr haben oder noch nie aus dem Kosovo herausgekommen sind und so schnell auch nicht mehr herauskommen werden, dass Elvane noch 9 Geschwister hat und nur mit zwei T-Shirts und zwei Röcken ankam, weil die Mutter auf das angewiesen ist, was andere Leute ihr geben, dann relativieren sich die Ansprüche.

Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass die gemeinsamen Freizeiten für die Beteiligten und die Öffentlichkeit ein einmaliges Zeichen setzen und bei den Kindern und Erwachsenen die bleibende Erfahrung hinterlassen: "Na ja, es geht doch zusammen!" Deshalb muss es auch nächstes Jahr unbedingt weitergehen.

Kleine Zeichen reichen aus, um Energie zu tanken und den Stein wieder nach oben zu rollen.