Dialogseminare für junge Erwachsene aus Israel und Palästina im Sommer 2016

 Auch in diesem Jahr konnten wir wieder fast hundert junge Erwachsene aus Israel und der palästinensischen Westbank zu zwei Dialogseminaren in Deutschland einladen. An einem der beiden Seminare nahmen nur junge Frauen teil.

Junge Israelis und Palästinenser wissen nicht mehr, woran sie glauben und was sie erwarten sollen. Hoffnungen und Visionen erscheinen naiv in Anbetracht der politischen Entwicklungen, die den Konflikt radikalisieren. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb meldeten sich in diesem Jahr besonders auf israelischer Seite viele junge Menschen, die teilnehmen wollten. „Man hat das Gefühl, dass sie einfach verzweifelt sind und hoffen, hier irgendeine Art von Perspektive zu finden“, sagte die israelische Koordinatorin.

Wenn junge Israelis und Palästinenser aufeinander treffen, ist nichts selbstverständlich: Sich gegenseitig zuzuhören so wenig, wie miteinander zu reden. Es geht um die Macht der Definition, um verbalisierte Kräfteverhältnisse, um Anerkennung und Akzeptanz.

Als eine Palästinenserin eine Israelin aufforderte, die palästinensischen Märtyrer nicht mehr als Terroristen zu bezeichnen, weigerte sich diese ihre persönliche Geschichte zu erzählen: Wenn sie nicht frei sprechen dürfe, wolle sie eben gar nicht reden.

Machtverhältnisse und Haltungen werden in den Seminaren viel häufiger durch nicht-sprechen als durch harte Worte geäußert. Junge Israelis vermeiden oft schwierige Themen. „Sie reden viel und sagen nichts“, sagte eine Mitarbeiterin. „Sie haben so eine Angst, die Kontrolle zu verlieren, dass sie lieber nichts sagen und die Palästinenser regelrecht auflaufen lassen“. Die Palästinenser machen ihre Haltung durch die Weigerung, außerhalb der Seminarzeiten mit den Israelis zu sprechen, deutlich. Es geht ihnen darum, die Besatzung zu bekämpfen, freundliche Worte beschönigen die Situation – normalisieren sie, ändern aber nichts an der Ungerechtigkeit, die ihnen widerfährt. Eine israelische Mitarbeiterin reflektierte die Nutzung von Sprache mit der Gruppe: „Denkt einmal über das Wort ABER nach: Ich möchte ja, dass die Palästinenser die gleichen Rechte haben, ABER… Ich finde ja schlimm dass, ABER…“

Eine israelische Teilnehmerin sagt am Ende eines Seminars: „Ich habe mich immer um das Wort „Besatzung“ gedrückt. Natürlich wusste ich, dass dort Dinge passieren, die ich nicht gutheiße, aber jetzt weiß ich, dass ich diese beim Namen nennen muss: Es gibt eine Besatzung.“

Das Programm beginnt jeden Morgen mit persönlichen Gesprächen. Je ein Palästinenser und ein Israeli sprechen zwanzig Minuten miteinander, und manchmal funktioniert Kommunikation nur mit Händen und Füßen. Viele Teilnehmerinnen erzählen später, dass dies der wichtigste Teil des Programms für sie war, denn sie reden hier viel offener und persönlicher als in den Dialoggruppen, in denen viele Angst vor den Reaktionen der eigenen Gruppe haben.

Für die TeilnehmerInnen ist es meist die erste Möglichkeit, die Sprache der Anderen in einem positiven Zusammenhang zu hören, denn im Alltag ist sie verbunden mit Angst und Fremdheit.

Am Ende der zwei Wochen teilen viele einen gemeinsamen Wunsch: Sie möchten die Sprache des anderen lernen.