Dialoge über Grenzen hinweg (2015)

Identitäten

Vanja Nedic aus Vukovar in Kroatien ist ehemalige Teilnehmerin und langjährige Mitarbeiterin bei den Begegnungsfreizeiten im ehemaligen Jugoslawien. In diesem Sommer war sie erstmals bei einem Dialogseminar für junge Erwachsene aus Israel und Palästina dabei. Dort berichtete sie von ihren eigenen Erfahrungen bei Ferien vom Krieg und den Aktivitäten der Jugendlichen vor Ort. Vor allem aber nutzten alle die Möglichkeit des Austauschs.

Vanja Nedic: Ich wollte einfach zuschauen und Fragen stellen – und ich hatte viele Fragen! Ich dachte vorher, ich wüsste viel über den israelisch-palästinensischen Konflikt, jetzt habe ich das Gefühl, ich weiß nichts! Mit den Leuten zu reden, die so bereitwillig ihre Geschichten erzählten und über ihre Visionen sprachen, war eine Erfahrung, die mir die Augen geöffnet hat. Aber, es war auch ein kultureller Schock.

Ich bin Osteuropäerin und fand mich wieder in einer Gruppe aus dem Nahen Osten. Ich sitze beim Essen, die meisten von ihnen nicht. Sie standen herum, machten Witze, hatten Spaß, während sie aßen. Auf dem Balkan sitzen wir beim Essen und stehen nicht auf, bis wir fertig sind.

Körperkontakt war normal, sowie Leute, die im Stehen essen, und andere, die durch den Raum schlenderten und Schüsseln mit Essen verteilten. Andere Leute anzurempeln empfand ich nach einer Weile als normal. Du rempelst Dich an, Du lachst und gehst weiter. Einfach so.

Bisher dachte ich, wir Leute vom Balkan wären laut, wenn wir uns unterhalten, aber jetzt weiß ich, dass das nichts ist im Vergleich zu dieser Gruppe. Sie waren laut, richtig laut. Und das die ganze Zeit. Und zu spät! Immer wenn es Zeit war mit dem Programm weiterzumachen oder sich zu gemeinsamen Aktivitäten zu treffen, hörte man die Mitarbeiter rufen “Yalla!”Das Wort wird im Arabischen und Hebräischen gleichermaßen genutzt und bedeutet “Kommt, los geht’s!” Es war das erste Wort, das ich lernte. Es war lustig, ihr Verhalten zu beobachten, aber auch aufschlussreich. Sie mischten sich untereinander, die Israelis und Palästinenser. Und ihr Verhalten erschien mir oft so ähnlich. So ähnlich, dass ich – wenn ich sie beobachtete – nicht erkennen konnte, ob jemand Israeli oder Palästinenser ist. Wenn man die religiösen Unterschiede außer Acht lässt, sind sie sich kulturell so ähnlich.

Dies erinnerte mich an unseren Konflikt im ehemaligen Jugoslawien und dass der Rest der Welt keinen Unterschied zwischen Kroaten, Serben oder Bosniern erkennen kann. Aber wir konzentrieren uns auf dieses eine Prozent unserer Kultur, das sich unterscheidet, und blenden aus, dass alles andere völlig gleich ist.

Während des Seminars lernte Vanja Nedic Hosam Mazzawi kennen, der als palästinensischer Christ in Israel lebt und die israelische Staatsangehörigkeit hat. Obwohl die Konflikte und die Situation in beiden Ländern unterschiedlicher nicht sein kann, teilen sie das Gefühl mangelnder Identität in ihren jeweiligen Gesellschaften:

Obwohl es meine Heimat ist, fühle ich mich nicht zuhause

Vanja Nedic: Wir unterscheiden Nationalität und Staatsangehörigkeit. In unserer patriarchalen Gesellschaft erbst du die Nationalität deines Vaters. Du sollst stolz darauf sein, dieser speziellen Nation anzugehören. Staatsangehörigkeit ist nur dein offizieller Status, sie bedeutet, den Pass eines Landes zu haben.
Als Kind einer Mischehe in Zeiten, als solche Verbindungen nicht mehr akzeptabel waren, hatte ich, seit ich denken kann, Probleme mit meiner Identität. Meine Eltern ließen mir die freie Wahl.

Kroatien ist meine Heimat, hier bin ich geboren und aufgewachsen. Ich besuchte die serbische Schule, und Serbisch ist meine erste Muttersprache. Dann entschied ich mich, in Zagreb zu studieren und sprach hauptsächlich kroatisch. Aber wegen meines serbischen Erbes gehöre ich in Kroatien nicht dazu. Eine halbe Kroatin ist nicht kroatisch genug. Ich bin stolz darauf, serbisch sprechen und kyrillisch schreiben zu können. Ich empfinde das als eine Bereicherung meines Lebens, aber hier sehen viele das anders. Nach dem Krieg wurde in den kroatischen Schulen die kyrillische Schrift nicht mehr gelehrt, dass ich sie kannte, verriet meine Herkunft aus der serbischen Minderheit. Also musste ich darüber schweigen, ich musste mein Wissen verbergen. Wo immer ich hinkomme, bewundern mich die Leute, weil ich eine zusätzliche Sprache und eine andere Schrift beherrsche, aber in Kroatien werde ich deswegen diskriminiert. Obwohl es meine Heimat ist, fühle ich mich nicht zuhause.

Mein Vater ist ebenfalls in Kroatien geboren und aufgewachsen, aber seine Eltern waren bosnische Serben. Nach der väterlichen Herkunft ist er also serbisch und ich bin es auch. In Serbien bin ich auch nicht willkommen, weil ich aus Kroatien komme. Ich verstehe und spreche Serbisch, aber mein Akzent verrät mich, ich bin nicht serbisch genug. Manchmal musste ich den Mund halten und meinen kroatischen Pass verstecken, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten.

Ich fühle mich in beiden Ländern nicht richtig heimisch, weil beide andere ausschließen und Menschen mit einem nur geringfügig anderen Hintergrund nicht als Serbe oder Kroate akzeptieren. Ich bin stolz auf meine „gemischte“ Herkunft und habe mich mit dieser Heimatlosigkeit arrangiert.

Im Moment lebe ich in Polen und wenn ich mich vorstelle, sage ich: “Ich komme aus Kroatien”. Wenn jemand mich als Kroatin bezeichnet, verbessere ich ihn: „Ich komme aus Kroatien“. Wenn ich meine Heimat vorstellen soll, spreche ich über Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina, alle drei Länder gehören in meine Familiengeschichte. Das ist meine Identität und ich bin stolz darauf.

Für meine Identität gibt es zehn Bezeichnungen

Hosam Mazzawi: Jeder Versuch, meine Identität zu beschreiben, ergibt ein totales verwirrendes Bild. Die vier Kategorien Nationalität, Religion, Staatsangehörigkeit und Sprache, verteilen sich bei mir so: Ich bin Araber, weil meine Muttersprache arabisch ist.

Christ bin ich, weil meine Eltern Christen sind, und Palästinenser wegen der Herkunft meiner Großeltern. Das ist meine Familiengeschichte, aber nach der Staatsangehörigkeit bin ich Israeli. Wenn mich jemand nach meiner Nationalität fragt, antworte ich: „Ich bin ein Palästinenser, der in Israel lebt“. Ich besuchte eine christliche Schule für Christen und Muslime. Kämpfe zwischen den Religionsgruppen gehörten für Schüler und Lehrer zum Alltag.

Meine Vater hatte jüdische Freunde und ich auch. Ich lernte ihre Sprache und Geschichte und verliebte mich in hebräische Literatur und Musik. In dieser Zeit begann ich, die arabische Gesellschaft und ihre Sprache zu hassen, wegen der Probleme und Kämpfe.

Meine Eltern sprachen nie mit mir über Nationalität oder Identität. Also traf ich diese Entscheidungen alleine, wobei sich meine Definition für Identität ständig änderte.

Mit 16 fühlte ich mich als Israeli, aber als ich mit 18 die Schule beendete, erkannte ich, dass die Gesellschaft mich nicht als Israeli akzeptierte. Also definierte ich mich über meine Religion, die einzige Kategorie, die sicher feststand. Aber das bedeutete, meine reale Herkunft zu ignorieren, deshalb machte ich mich auf die Suche nach einer Definition, die wirklich zu mir passte.

Am Ende dieses Weges stand die Erkenntnis, dass es für die Araber in Israel keine solche generelle Definition gab, ich fand mindestens zehn verschiedene Bezeichnungen:

· Araber

· arabischer Israeli

· israelischer Araber

· Palästinenser

· palästinensischer Israeli

· israelischer Palästinenser

· Christ oder Moslem

· muslimischer Israeli

· israelischer Moslem

· ein Palästinenser, der in Israel lebt, und noch viele mehr.

Wenn ich durch Ägypten reise oder Ramallah und Jenin besuche, werde ich wegen meiner israelischen Staatsangehörigkeit gehasst und muss sie verbergen. Die Leute erwarten, dass ich mich als Palästinenser fühle und Israel missachte, und ich muss aufhören, hebräisch zu sprechen, was unmöglich ist, wenn ich mit Freunden zusammen bin.

Also beschloss ich, dass ich „ein Palästinenser bin, der in Israel lebt“. Wer das nicht mag, muss sehen, wie er damit zurechtkommt.