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Die jährlichen Dialogseminare mit jungen Erwachsenen aus Israel und Palästina

„Ferien vom Krieg“ lädt jeden Sommer junge Erwachsene aus Israel und der palästinensischen Westbank zu zweiwöchigen Dialogseminaren nach Deutschland ein. Dort leben sie nicht nur unter einem Dach, sondern bearbeiten in Dialoggruppen die Konfliktgeschichte und die momentane Situation in Israel und Palästina.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Die Gruppe der Teilnehmer setzt sich zusammen aus Palästinensern aus der Westbank und Ostjerusalem sowie jüdischen Israelis und einigen Palästinensern mit israelischer Staatsbürgerschaft. Die Religionszugehörigkeit spielt bei der Auswahl der Teilnehmer keine Rolle, der Anteil der christlichen Palästinenser entspricht meist ungefähr dem in der palästinensischen Bevölkerung. Die TeilenhmerInnen kommen aus unterschiedlichen Städten und aus allen gesellschaftlichen und sozialen Schichten.

Es werden bewusst junge Erwachsene angesprochen, die nicht Teil der Friedensbewegung sind und bisher nicht an ähnlichen Seminaren teilgenommen haben. Die TeilnehmerInnen sind zwischen 20 und 30 Jahren alt, der Frauen- und Männeranteil ist gleich.
Unsere Partnerorganisationen vor Ort machen im Internet oder in Aushängen auf die Seminare aufmerksam und stellen die Gruppen nach einem persönlichen Gespräch zusammen. Vor dem Seminar in Deutschland finden jeweils 4-5 Vorbereitungstreffen statt – für die Israelis in Tel Aviv und für die Palästinenser in Ramallah. Neben Informationen über die Reise und den organisatorischen Ablauf werden die TeilnehmerInnen auch über inhaltliche Themen der Seminare informiert und angeregt, sich im Vorfeld damit zu beschäftigen.

Der Ablauf der Seminare

Die „Ferien vom Krieg“ finden in der Nähe von Köln statt. Während die Teilnehmer-*innen aus Israel direkt über den Flughafen in Tel Aviv nach Deutschland fliegen können, müssen die jungen Männer und Frauen aus der palästinensischen Westbank die Grenze zu Jordanien passieren, was oft mit langen Wartezeiten verbunden ist. Je nach Abflugzeit am Flughafen Amman ist eine Übernachtung dort notwendig, was die Anreise zeit- und kostenintensiv macht.
Beide Gruppen treffen erstmals in der Jugendakademie in Walberberg aufeinander. Dort verbringen sie zwei Wochen gemeinsam unter einem Dach, organisieren den Alltag miteinander, nutzen Mahlzeiten für persönliche Gespräche oder heftige Diskussionen. Sie erleben sich in der Freizeit als gleichaltrige Menschen mit oft ähnlichen Interessen, sie verbindet die gleiche Lebensfreude und der Wunsch nach einem Leben in Sicherheit und Normalität.
Am ersten Tag werden die Teilnehmer in drei Dialoggruppen mit jeweils gleich vielen Palästinensern und Israelis eingeteilt. Jede Gruppe wird von jeweils einem Mediator oder einer Mediatorin aus Israel und Palästina geleitet, ein ÜbersetzerIn für Arabisch und Hebräisch ermöglicht es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, in ihrer Muttersprache zu sprechen. Dadurch wird verhindert, dass Englischkenntnisse vorausgesetzt werden müssen, was den Kreis der Teilnehmer auf diejenigen mit entsprechender Schulbildung beschränken würde.

Inhaltliche Arbeit

Am ersten Tag beginnen die Gruppen mit „Warming-Up“ Aktivitäten, bei denen sie sich spielerisch kennenlernen, aber auch eigene Erwartungen, Ängste und Vorurteile hinter-fragen sollen. Sie schreiben z.B. ihre Erwartungen auf Zettel und deponieren diese in Briefumschlägen, um sie am Ende des Seminars zu öffnen: Haben sich positive oder negative Erwartungen erfüllt?
Wenn die TeilnehmerInnen anfangs aufeinandertreffen, konfrontieren sie sich oft mit gegenseitigen Schuldzuweisungen: Wer ist mehr Opfer, wer mehr Täter? Wer hat mehr Schuld? Wer ist der moralische Sieger dieses Konflikts?
In den Dialoggruppen erzählen die TeilnehmerInnen zuerst ihr eigenes, persönliches „Narrativ“, ihre eigene Geschichte. Wie leben sie? Wie beeinflusst der Konflikt ihr Leben und ihren Alltag? Dieses Kennenlernen auf persönlicher Ebene ermöglicht es, Empathie füreinander zu entwickeln und den Konflikt durch die Schilderungen der Anderen kennenzulernen.

Die Geschichten ihrer Familien erzählen oft von Flucht und Vertreibung. Sie zeigen auf sehr persönliche Weise, wie unterschiedlich die gemeinsame Geschichte wahrgenommen wird: Die Staatsgründung Israels, von den einen gefeiert als Ende der Diaspora und Beginn von Selbstbestimmung und Sicherung der eigenen Existenz, wird von der anderen Seite als „Nakba“, als Katastrophe bezeichnet, verbunden mit Vertreibung und Leid.

Das Schicksalsjahr 1948 ist Teil des kollektiven Narrativs beider Seiten, dem kollektiven Ge-dächtnis ihrer Gesellschaften und der Deutung der Ge-schichte, beeinflusst durch kollektive Mythen, Traumata und Erfahrungen. Die israelische und die paläs-tinensische Gruppe stellt ihr Narrativ jeweils in aufwändigen Präsentationen dar, deren Vorbereitung in beiden Gruppen lange und kontroverse Diskussionen auslöst: Welche historischen Ereignisse sind wichtig und sollen gezeigt werden? Welche beeinflussen ihre heutige Lebensrealität? Was macht ihre Gesellschaft heute aus?

An zwei Abenden lädt jede Gruppe zu einem „Kulturabend“ ein, zeigt Tänze, stellt in kleinen Sketchen die eigene Gesellschaft dar und — was wäre Kultur ohne Essen — bekocht ihre Gäste.
Zum Abschluss der Seminare beschäftigen sich die Teilnehmer konkret damit, wie eine Lösung aussehen könnte und welchen Teil sie dazu beitragen können. In den letzten beiden Jahren wurde auch das Thema Transitional Justice diskutiert: Wie könnte ein Prozess zu einer gerechten Lösung aussehen? Wer müsste sich in welcher Form für begangenes Unrecht verantworten? Hier stellen die TeilnehmerInnen fest, wie schwer es ihnen fällt, Zugeständnisse zu machen und wie stark die eigene Angst sie daran hindert.
Einen ausführlicheren Bericht über die Arbeit in einer Dialoggruppe im Sommer 2015 finden Sie hier(link is external).

Gemeinsame Freizeit

Bootsfahrt auf dem Rhein

Neben den intensiven Dialog-seminaren teilen die Teilnehmer auch gemeinsame Erlebnisse: bei einer „Stadtralley“ entdecken sie Köln und genießen den Rhein bei einer Bootsfahrt nach Bonn. Am eindrücklichsten aber ist für alle das Überqueren einer innereuropäischen Grenze auf der Fahrt nach Brüssel: es gibt keine Sicherheitskontrollen und keine Schlagbäume. Die Frage, wie so etwas nach zwei Kriegen und dem Holocaust in Europa heute möglich sein kann, beschäftigt die TeilnehmerInnen oft noch in den Dialogrunden der folgenden Tage.
Gemeinsam erlebte Freizeit empfinden viele TeilnehmerInnen als ambivalent, gerade viele Palästinenser haben Angst vor einer vorschnellen „Verbrüderung“. Sie haben das Gefühl, eine Annäherung und Normalisierung persönlicher Beziehungen sei nur möglich, wenn sie ihre Forderungen nach Gerechtigkeit für das palästinensische Volk aufgeben. Zusammen tanzen und feiern oder Sport zu treiben, wird von vielen PalästinenserInnen als Normalisierung, also Legitimierung des Status quo betrachtet und ist deshalb für die meisten ein No-go. Für die Israelis ist diese Ablehnungshaltung der PalästinenserInnen oft schwer verständlich und viele sind enttäuscht, da sie sich neben der politischen Auseinandersetzung während der Seminare auch Freundschaften mit PalästinenserInnen erhoffen.

Auch wenn gemeinsame Unternehmungen in der Regel die Ausnahme bleiben, bedeutet dies nicht, dass sich die Interaktion zwischen den beiden Gruppen auf den offiziellen Teil des Dialog-programms beschränkt. Viele der Diskussionen aus den Dialoggruppen setzten sich in den Pausen, beim Essen oder am Abend in gemischten Gruppen oder zu zweit fort und oft sind es gerade diese persönlichen Gespräche und Begegnungen, die den Teilnehmenden in Erinnerung bleiben und die eigene Wahrheit ins Wanken geraten lassen.
Berichte von TeilnehmerInnen oder MitarbeiterInnen finden Sie hier.